Enrica bonaccorti starb mit 76 – ihre letzten worte gingen durchs land
Sie verabschiedete sich, wie sie jahrzehntelang zugeschaut hatte: mit offenem Visier. Enrica Bonaccorti ist am frühen Donnerstagmorgen in Rom gestorben, 76 Jahre alt, nach einem jahrelangen Kampf gegen den Pankreaskrebs. Die Nachricht löste binnen Minuten eine Welle aus, die weit über Italien hinausreichte – denn Bonaccorti hatte ausgerechnet das Medium genutzt, das sie berühmt gemacht hatte, um ihr Leiden öffentlich zu machen.
„Ich fror einfach ein“ – ihr instagram-post wurde zum kollektiverlebnis
Im September postete sie ein Foto, auf dem sie lächelt, dazu den Satz: „Ich fror einfach ein, keine Angst, keine Trauer, nur Leere.“ Millionen Menschen lasen mit, kommentierten, beteten. Die Moderatorin, die in den 80er-Jahren mit „Pronto chi gioca?“ die Nachmittage eines ganzen Landes bestimmte, hatte die Fernsehlogik umgedreht: Statt Zuschauer zu unterhalten, ließ sie sie teilhaben – an Schmerz, Chemotherapie-Aussetzung, letzter Hoffnung auf neue Medikamente.
Die Entscheidung, die Behandlung zu stoppen, hatte sie im Oktober erklärt: „Der Tumor sitzt in einer Lücke, die kein Skalpell erreicht.“ Statt sich zurückzuziehen, schrieb sie Texte für Freunde, sang mit Renato Zero – ihrer großen Liebe der Siebziger – am Telefon alte Lieder ein. Zero sagte gestern dem Radiosender RTL 102.5: „Enrica hat mich gelehrt, dass Schluss nur ein Wort ist, kein Datum.“

Vom theaterbalkon zum traum-studio – und zurück in die wohnzimmer
Geboren 1949 in Savona, begann sie auf provinziellen Brettern, landete 1979 im RAI-Kindersender, dann 1983 beim quotenstarken Ratespiel. Als Nachfolgerin von Raffaella Carrà galt sie zunächst als Notlösung – doch ihre mischung aus Aristokraten-Stimme und Bauernschläue bescherte der Sendung 18 Millionen Zuschauer. Danach der Fall: Eine Live-Schwangerschafts-Andeutung wurde zum Skandal, das Kind verlor sie. Mediaset zog sie 1991 ab, „Non è la Rai“ wurde zum Kult – sie entlarvte eine Betrügerin, die per Telefon vorgegaukelte Antworten einwarf. Später schrieb sie Songtexte für Zero und Gianni Morandi, moderierte nur noch sporadisch, dafür aber mit messerscharfer Kulturkritik.
Ihre letzte TV-Aufzeichnung: ein Gastsport im Februar, aufgezeichnet im Wohnzimmer. Die Kamera zeigte Bücherstapel statt Studiobeleuchtung. Bonaccorti sagte: „Ich habe nichts mehr zu beweisen, nur noch zu erzählen.“
Die Geschichte, die sie nun hinterlässt, ist ein Querschnitt durch italienische Fernsehgeschichte – und durch das, was nach dem Abspann kommt. Die Beerdigung findet am Samstag in Rom statt, privat, wie sie wollte. Die Trauer jedoch ist öffentlich: Bis zum Abend schalteten alle großen Sender auf Einser-Kanäle um, zeigten ihre alten Shows. Die Einschaltquoten stiegen auf 42 Prozent. Bonaccorti hätte geschmunzelt. Ihr letzter Satz in dem Instagram-Video vom Dienstag war: „Wenn die Lichter ausgehen, zählt nur, ob jemand noch nach dir fragt.“ Italien fragt – und schaltet ein.
