Emma aicher rast shiffrin um 0,94 sekunden hinterher – und schreibt geschichte

0,94 Sekunden fehlten Emma Aicher im Störtlopsbakken, um Mikaela Shiffrin das Heimspiel madig zu machen. 0,06 Sekunden reichten, um Wendy Holdener auf Distanz zu halten. Dazwischen liegt ein Sonntag, der deutlich macht: Die Schwedin mit deutschem Pass ist längst mehr als ein Riesenslalom-Geheimtipp.

Störtlopsbakken kennt sie wie ihre westentasche

300 Kilometer Luftlinie trennen Sundsvall von Are. Für Aicher ist das kein Weltcup, sondern ein Heimrennen. Die 22-Jährige fuhr hier als Kind ihre ersten Schwünge, spürte jeden Bodenwellen, wusste, wo der Schatten die Piste kühlt und wo der Eisuntergrund beißt. Genau dort griff sie nach dem Riesenslalom-Coup am Samstag auch im Slalom an.

Technik-Slalom? Fehlanzeige. Aicher hat diesen Winter kaum Stangenwald-Training absolviert. Stattdessen schraubte sie sich mit Athletik und Kantenwechsel in die Spur, legte im Mittelteil einen Patzer hin, riss die Ski zurück und fuhr trotzdem auf Platz zwei. „Ich habe nur Gas gegeben“, sagte sie danach, als wäre das der selbstverständlichste Move der Welt.

Shiffrin schießt die 72. kanone

Shiffrin schießt die 72. kanone

Mikaela Shiffrin hingegen schaltet inzwischen auf Autopilot. Der 109. Weltcupsieg, der 72. im Slalom. Die US-Amerikanerin baute nach dem enttäuschenden fünften Platz im Riesenslalom sofort wieder ihre Schutzmauer auf: 0,51 Sekunden Vorsprung nach Lauf eins, 0,94 Sekunden nach Lauf zwei. Die Gegnerin wird sie erst im norwegischen Finale bekommen – und selbst da nur, wenn Aicher in der Abfahrt und im Super-G nochmal zulegt.

Die Kugel steht: 140 Punkte trennen die beiden vor dem Saisonfinale. Shiffrin kann nur Slalom und Riesenslalom, Aicher alle vier Disziplinen. Das macht die 22-Jährige zur einzigen ernsthaften Bedrohung für die Gesamtweltcup-Krone.

Dsv-rest sieht nur staub

Dsv-rest sieht nur staub

Hinter Aicher wird’s dünn. Lena Dürr schied nach 1,45 Sekunden Rückstand quasi mental aus, rutschte auf Rang 15 ab. Jessica Hilzinger schaffte mit Startnummer 50 nicht einmal den Anschluss an die Top-30. Damit bleibt Aicher das einzige deutsche Ausrufezeichen – und der heimliche Schwede im Feld.

Das Finale in Norwegen wird zum Showdown: Shiffrin gegen Aicher, Routine gegen Unbekümmertheit, 72 Siege gegen null. Die 0,94 Sekunden von Are sind ein Vorgeschmack. Die Frage ist nicht mehr, ob Aicher Shiffrin irgendwann schlägt. Die Frage ist nur, ob sie es rechtzeitig schafft, um die große Kristallkugel noch zu klauen.