Elfmeter-orgie im borussen-derby: ein rekord, der geschichte schrieb

Vor 60 Jahren lieferten sich Borussia Mönchengladbach und der BVB ein Bundesliga-Derby, das in die Annalen des Fußballs einging – nicht wegen eines Rekordergebnisses, sondern wegen einer schier unglaublichen Anzahl an Elfmetern. Während das 12:0 von 1978 noch im Gedächtnis aller Fußballfans verankert ist, gerät ein anderer, ebenso spektakulärer Rekord in Vergessenheit: die Elfmeter-Orgie vom 11. September 1965.

Die premiere der elfmeter-flaute

Es war das erste Bundesliga-Duell zwischen Gladbach und Dortmund, und Schiedsrichter Herbert Lutz aus Bremen sollte diesen Tag für immer in Erinnerung behalten. 34.000 Zuschauer sahen ein Spiel, das den Rahmen sprengte: fünf Elfmeter wurden an diesem Tag gepfiffen – eine Zahl, die bis heute in der Bundesliga ihresgleichen sucht. Die jungen „Fohlen“ aus Mönchengladbach, unter der Leitung von Trainer Hennes Weisweiler, bestritten damals erst ihr fünftes Bundesliga-Spiel und waren ungeschlagen. Der BVB, bereits auf dem Weg zum Europapokal-Sieg 1966, galt als Favorit – ein Status, den er auch erfüllte, wenn auch mit einem überraschenden Ergebnis von 4:5.

Ein Schiedsrichter, ein Rekord, ein Spiel: Lutz, der später im Guinness-Buch der Rekorde landete, übertraf alles, was man sich vorstellen konnte. Sogar ein Handspiel des Dortmunders Theo Redder in der 29. Minute blieb ihm nicht unbemerkt – hätte er geahndet, wäre der sechste Elfmeter fällig gewesen. Doch die Zeit, in der Elfmeter noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet wurden, schien weit entfernt. Als die „Sport Magazin“ lakonisch von „Auch ein Rekord: Fünf Elfmeter“ berichtete, zeugt das von der damals herrschenden Gelassenheit.

Tore, nerven und vergebene chancen

Tore, nerven und vergebene chancen

Die Trainer empörten sich nicht nennenswert. Dortmunds Fred Multhaup brachte nur seine Verwunderung zum Ausdruck: „Fünf Elfmeter in einem Spiel habe ich noch nie erlebt!“ – und das zu Recht. Lothar Emmerich (BVB) und Egon Milder (Gladbach) behielten jeweils die Nerven beim Elfmeter. Nach den fünf „normalen“ Toren, darunter ein Freistoß von Günter Netzer und ein Kopfball von Emmerich, zeigte Lutz nach 70 Minuten erneut auf den Elfmeterpunkt. Netzer ließ sich die Chance nicht entgehen und glich aus. Doch das Elfmeterfestival hatte gerade erst begonnen: binnen sieben Minuten pfiff Lutz drei weitere Elfmeter, wie die „Rheinische Post“ den Schiedsrichter als „den leicht abgemagerten Engel mit dem Flammenschwert“ beschrieb.

In der 73. Minute hatte Dortmund die Möglichkeit, die Führung wieder auszubauen, und Emmerich traf mit seinem zweiten Elfmeter. Milder scheiterte in der 77. Minute an der Latte, wodurch Dortmund die Chance auf den Ausgleich verpasste. Besonders erleichtert über den Ausgang des Spiels war BVB-Kapitän Wolfgang Paul, der alle drei Elfmeter für Gladbach verursacht hatte – ein weiterer Bundesliga-Rekord. Heinz Lowin war auf Seiten der „Fohlen“ der alleinige „Sünder“ mit zwei Fouls.

Weisweiler kommentierte das Spiel mit dem Hinweis: „Das Elfmeter-Duell hat entschieden. Ich bin der Meinung, ein Unentschieden wäre das gerechtere Ergebnis gewesen.“ Die hohe Anzahl der Elfmeter, bereits bei 25 nach fünf Spieltagen, wurde vom „kicker“ kritisiert: „Die hohe Zahl der Elfmeter spricht für die Schiedsrichter, allerdings spricht das Missverhältnis von 18 Elfmetern für die Platzvereine und lediglich sieben für die Gäste.“

Ein rekord, der bestand hat

Ein rekord, der bestand hat

Herbert Lutz, der bereits 1963 dem 1. FC Köln gegen 1860 München zwei Elfmeter gab und 1973 bei Schalke-Bayern drei binnen sechs Minuten pfiff, beendete seine Karriere 1977 mit einem Elfmeter bei RW Essen-Frankfurt. In 77 Spielen zeigte er 35 Mal auf den Elfmeterpunkt. Als er 2009 in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung auf das historische Derby angesprochen wurde, sagte er: „Ich hätte auch noch den sechsten Elfmeter gegeben. Foul ist Foul, egal wann und wo.“ – und er glaubt bis heute, dass der Rekord nicht gebrochen werden wird. Ein Vermächtnis eines Spiels, das die Bundesliga-Geschichte auf seine ganz eigene Art und Weise geprägt hat.

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