Dzeko jagt italien und die eigene unsterblichkeit
Edin Dzeko hat schon Italien den Rücken gekehrt – aber nicht vergessen. An diesem Donnerstag will der 40-Jährige das Land ausscheiden, das ihn einst zum Idol machte. Bosnien trifft in der Play-off-Halbfinale auf die Squadra Azzurra. Für Dzeko ist es die Chance, nach zwölf Jahren wieder eine WM zu riechen – und eine 20-jährige Tor-Serie am Leben zu halten.
Ein tor pro jahr seit 2007 – kein ausreißer erlaubt
Seit seinem Debüt gegen die Türkei vor 18 Jahren traf der „Diamant von Sarajevo“ mindestens einmal pro Kalenderjahr für sein Land. 73 Treffer in 132 Länderspielen, dazu 377 Clubtore – die Zahlen sind so kalt wie die Vitrine, in der sie bald stehen werden. Doch die Null, die ihm fehlt, steht auf dem Spielplan: kein Tor 2025, kein Katar, kein Märchen.
Die Rechnung ist simpel: Wer Bosnien stoppt, stoppt Dzeko. Und wer Dzeko stoppt, stoppt einen ganzen Fußballschnipsel Landesgeschichte. Die Italiener wissen das. Luciano Spalletti, einst sein Coach in Rom, nannte ihn „göttlich“. Morgen Abend in Zenica wird er versuchen, diesen Gott in den kroatischen Feuerteufel zu verwandeln.

Roms letzter könig will zurück in die bundesliga
119 Tore trug Dzeko für die Roma auf, nur Totti und Pizarro liegen in der ewigen Liste vor ihm. Nach seiner missglückten Zwischenstation Florenz kehrt er mit Schalke 04 in die Bundesliga zurück – schon jetzt hat er sechs Treffer in acht Partien. Die Knappen liegen zwei Punkte hinter dem Relegationsplatz. Für den Stürmer ist es ein Nebenkriegsschauplatz, der ihm Fitnesstests für das italienische Duell liefert.
Doch der eigentliche Gegner sitzt in der eigenen Brust. „Ich spiele gegen die Zeit“, sagt er leise, „nicht gegen Italien.“ Denn während seine Gegenspieler um Federico Dimarco und Alessandro Bastoni noch U-21-Turniere absolvierten, feierte Dzeko schon seinen 30. Geburtstag – vor zehn Jahren.

Applaus für den hymnen-mord
Die Ironie des Spiels: Das Land, das ihm nach dem Krieg als Erstes eine Freundschaftsspiel-Einladung schickte, muss nun ausscheiden. „Wenn die italienische Hymne ertönt, werden auch unsere Fans aufstehen“, sagte Dzeko in der Pressekonferenz. Die Geste ist kein Marketing-Trick, sondern Schuldenbegleichung. 1996 kam die Squadra nach Sarajevo, als noch Scharfschützen auf den Häuserkanten postierten. Die Bosnier vergessen nichts – auch keine Niederlage.
Ein letztes Kapitel bahnt sich an. Gewinnt Bosnien, fliegt Italien zum zweiten Mal in Folge gegen ein Balkan-Team raus – und Dzeko bucht seinen zweiten WM-Flug. Verliert er, bleibt die Serie intakt, aber die Karriere bekommt ein Nachspiel in der Europa-League-Quali. Beides wäre typisch für ihn: Entweder Geschichte schreiben oder Geschichte bleiben.
Um 20:45 Uhr Ortszeit wird der Ball rollen. Dzeko wird sich die Haare zurückbinden, die Hand aufs Herz legen – und dann 90 Minuten lang die Frage beantworten, ob ein 40-Jähriger noch jung genug ist, um ein ganzes Land zu tragen. Die Antwort lautet: Ja, solange das Netz zittert.
