Barbarez zockt gegen italien: poker statt presskonferenz

Sergej Barbarez trat vor die Mikros und legte seine Hand offen: „Führen wir 1:0, stelle ich den Bus quer. Fallen wir 0:1 zurück, stelle ich ihn längs.“ Zenica kicherte, Gattuso zog nach. Die Play-off-Finalrunde zwischen Bosnien-Herzegowina und Italien beginnt bereits auf dem Pressepult – und der ehemalige Bundesliga-Stürmer behandelt sie wie eine Poker-Runde in Las Vegas.

Der bluff mit dem bus

Barbarez spielt seit Jahren mit offenen Karten, zumindest rhetorisch. Nach seiner Karriere pendelte er zwischen Pokertisch und TV-Studio, landete 2008 auf Rang 19 der World Series. Jetzt sitzt er erstmals auf der Bank der Nationalmannschaft und sieht im Gegner nicht den vierfachen Weltmeister, sondern einen Gegner, den man lesen muss. „Gattuso redet von Respekt, aber er weiß, dass wir ihn bei jeder Standardsituation ärgern können“, sagte Barbarez, während er die Karten seiner möglichen Startelf bereits in einer geschlossenen WhatsApp-Gruppe an die Spieler verschickt hatte.

Die Taktik-Karte ist simpel: 4-4-2 mit Edin Dzeko als Joker, der auch mit 38 Jahren noch jeden Zweikampf gegen Mancini und Bastoni als 50-50-Chance berechnet. Dahinter ein Mittelfeld, das die Italiener dazu zwingt, früh zu erhöhen – und dann in die Falle zu laufen. Im Training gestern ließ Barbarez zwei Varianten durchspielen: Druck nach vorne und kompaktes Verteidigen, jeweils mit dem Kommando „Bus positionieren“. Die Mannschaft lachte, verstand aber die Ernsthaftigkeit.

Spion im wald

Spion im wald

Die Italiener reagierten mit klassischer Conte-Manier. Ein Soldat der italienischen Armee, in Sarajevo auf Nato-Manöver, filmte hinterm Zausbach das geschlossene Training der Bosnier. Das Video landete binnen Minuten auf Gattusos Tablet. Bosnien protestierte, die FIFA wird ermitteln – für Barbarez ist der Vorfall keine Nebensache. „Wenn sie glauben, unsere Startelf zu kennen, sollen sie ruhig zocken. Ich kann noch zwei Wechsel vornehmen, bevor der Schiri pfeift“, zitierte ihn die klix.ba-Redaktion.

Gattuso seinerseits ließ durchblicken, dass er die Aufstellung ohnehin an zwei Stellen korrigieren wird. Locatelli soll für Tonali das Tempo erhöhen, Kean neben Retegui bildet ein mobiles Duo, das die zentrale Abwehr der Bosnier in Bewegung halten soll. „Wir werden keinen Bus parken, sondern den Gegner überspielen“, beteuerte der Italiener, wissend, dass ein Auswärtstor den Zenica-Kessel zum Kochen bringt.

Ein stadion, das bebt

Ein stadion, das bebt

Die Bilino-Polje-Arena fasst offiziell 15.600 Zuschauer, fühlt sich aber an wie 30.000, wenn die Torcida ihre Lederkappen gegen die Betonwand schlägt. 1996 kam Italien als erste Nation nach dem Krieg nach Zenica – damals 2:1 für die Azzurri. Seitdem wartet Bosnien auf Revanche. Die Tickets waren innerhalb von 90 Minuten ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt kosten Karten für die Osttribüne das Dreifache. Die Polizei rüstet mit Wasserwerfern und Hubschrauber-Kameras auf, weil rund 3.000 Italiener erwartet werden, darunter 200 Ultras aus Apulien, die sich mit lokalen Gruppierungen verbündet haben.

Für die Wirtschaft des kantonal geprägten Zenica ist das Match ein Jackpot. Hotels und Privatquartiere sind ausgebucht, die Bierproduktion der lokalen Brauerei Sarajevsko erhöhte sich um 40 Prozent. Der Bürgermeister kündigte an, dass die Siegprämie der Stadt 500.000 Konvertible Mark (rund 255.000 Euro) beträgt – Geld, das man sich von einem EU-Infrastrukturprogramm geborgt hat. Die Botschaft: Ein Sieg zahlt sich dreifach aus, sportlich, wirtschaftlich und politisch.

Der countdown läuft

Der countdown läuft

Am Spielfeld wird sich entscheiden, wer im Sommer nach Deutschland reist. Barbarez hat seinen Spielern ein einfaches Mantra mitgegeben: „Erstes Tor gewinnt die Runde.“ Statistisch hat er recht: In 14 der letzten 16 WM-Play-offs qualifizierte sich die Mannschaft, die früh traf, letztlich. Italien seinerseits will die Geschichte nicht erneut als Opfer schreiben; die vergebliche WM 2018 steht noch immer in den Köpfen.

Pünktlich um 20:45 Uhr Ortszeit rollt der Ball. Dann ist Schluss mit Pokern, Bluff und Show. Dann zählen nur noch Zahlen: Torschüsse, Zweikampfquote, Laufleistung. Und wenn die Tribüne erzittert, weiß jeder Spieler, dass die Karten neu gemischt sind. Barbarez wird an der Seitenlinie stehen, die Arme verschränkt, und sich fragen, ob sein Bus richtig geparkt ist. Gattuso wird brüllen, bis er heiser ist. Am Ende gewinnt, wer den Gegner nicht nur ließt, sondern auch schlägt. Die Show ist vorbei – der Sport beginnt.