Dobrick bricht das schweigen – hoeneß stellt bayern-schild klar
Der erste offen schwule Trainer im deutschen Profifußball steht jetzt. Christian Dobrick, U19-Coach des FC St. Pauli, riss am Dienstag das Thema aus dem Schatten – und schon am Tag darauf meldete sich Uli Hoeneß mit einem Signal aus München.

Hoeneß: „bei uns würde er keine sekunde alleine stehen“
„Ich sehe da überhaupt kein Problem“, sagt der Ehrenpräsident von Bayern München im Gespräch mit RTL/ntv. „Falls das bei Bayern München passieren würde, käme derjenige nicht nur ohne Makel durch, er bekäme eine Maschine voller Unterstützung hinter sich.“ Die Formulierung klingt wie ein Seitenhieb auf jene Klubs, die bislang nur davon sprachen, „offen“ zu sein, es aber nie wagten, das auch wirklich zu leben.
Dobrick berichtete, er habe sich jahrelang versteckt, „wie ein Außerirdischer“ gefühlt. Das Bild passt zur Statistik: Kein einziger aktive Bundesligaprofi bekannte sich je während seiner Karriere zu homosexueller Identität. Nachwuchsleute trauen sich erst recht nicht. Dobrick durchbricht nun exakt diese Mauer – und liefert sofort eine Begründung, warum es fast drei Jahrzehnte dauerte: „Solange niemand den Anfang macht, bleibt das Thema ein Tabu.“
Hoeneß schwenkt sofort auf Verteidigungsmodus, wenn es um mögliche Anfeindungen geht. „Sobald Medien oder Netz gegen unseren Mann schießen, verteidigen wir ihn – so wie jeden anderen auch.“ Die Ansage klingt martialisch, ist aber genau das, was Dobrick fordert: Schutz statt Lippenbekenntnisse.
Der 29-Jährige trainiert seit zwei Jahren die U19 der Hamburger. Sein Vertrag läuft 2027. Intern galt er stets als taktischer Freak, der Videoanalysen auf YouTube veröffentlichte und mit Daten jonglierte. Jetzt kommt eine neue Dimension hinzu: Vorbildfunktion. „Ich will nicht der Held sein“, sagt er, „aber ich will, dass kein Nachwuchsspieler mehr glaubt, er müsste sich fürchten.“
Die Reaktionen aus der Liga verliefen bisher erwartbar höflich. Doch Höflichkeit reicht Dobrick nicht. Er verlangt klare Regeln: Sanktionen für Homophobie in Stadien, verpflichtende Sensibilisierungs-Workshops für Profis, offizielle Coming-out-Perspektiven. Die DFL prüft laut Insidern ein Konzept, das Schiedsrichter künftig Spiele unterbrechen dürfen sollen, wenn entsprechende Schmährufe ertönen. Dobrick lacht trocken: „Ich bin gespannt, ob es mehr als ein Papier wird.“
Bayern-Coach Thomas Tuchel schickte dem St. Pauli-Trainer eine SMS: „Mutige Aktion, Respekt.“ Auch nationaler Teamchef Julian Nagelsmann telefonierte mit Dobrick. Der Verband will das Thema in der nächsten Trainer-Fortbildung auf die Tagesordnung setzen. Zeitplan: Mai, genau dann, wenn die Saison auf die Zielgerade biegt und die Aufmerksamkeit groß ist.
Die Zahl, die bleibt: Erst 13 Prozent der 1.500 befragten Fußballer im DFB-Aktivum gaben laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln an, sich im Team outen zu wollen. Dobrick ist jetzt eins von 13 Prozent – aber er steht ganz alleine an der Spitze der Trainerriege. Solange das so bleibt, bleibt auch das Tabu. Doch das Schweigen ist gebrochen, und das ist ein Anfang, der wehtut – vor allem denen, die sich weiter hinter veralteten Klischees verstecken.
