Deschamps bremst frankreich-euphorie: 'wir sind nicht die einzigen titelanwärter'

Didier Deschamps riss die Handbremse an, noch bevor die Sektkorken knallen konnten. Der Frankreich-Coach zerstörte mit zwei Sätzen die kollektiveSelbstbeweihräucherung nach dem 3:0 gegen Kolumbien.

Lucas Hernández hatte vorher in Mixed-Zone-Sprechblase verkündet, Les Bleus hätten 'das beste Angriffsspiel der Welt'. Ein Satz, der sofort durch die Kanäle rauschte und die Titelfavoriten-Diskussion wieder auf Hochglanz polierte. Deschamps reagierte auf die Nachfrage mit einem irritierten Stirnrunzeln: 'Lucas hat das wirklich gesagt? Ich spreche sofort mit ihm.'

Die warnung kam in der pressekonferenz nach dem schlusspfiff

Die warnung kam in der pressekonferenz nach dem schlusspfiff

Der 55-Jährige ließ keinen Zweifel daran, dass er seine Spielmentalität nicht durch rosarote Brillen ersetzen wird. 'Wir haben Potenzial, klar. Aber Potenzial reicht nicht, wenn man meint, schon im Viertelfinale zu stehen', sagte Deschamps und schlug damit einen Ton an, der an die Vorbereitung auf Russland 2018 erinnert – damals hatte er ebenfalls die Erwartungshaltung gedämpft, bevor sein Team den Pokal holte.

Die Zahlen sprechen trotzdem für sich: Drei Tore gegen Kolumbien, zwei gegen Brasilien, null Gegentore – das B-Team der Franzosen lief wie ein Uhrwerk. Doch Deschamps kennt die tödliche Selbstgefälligkeit, die in Turnieren ganze Generationen ausradieren kann. 'Es gibt acht, neun, vielleicht zehn Mannschaften, die sagen können: Wir können Weltmeister werden. Wir sind eine davon – aber eben nur eine.'

Die Aussage traf mitten in die Euphorie der Fans, die in den sozialen Netzwerken bereits Turnierpläne bis ins Finale zeichneten. Dabei hatte gerade Hernández mit seiner PSG-Erfahrung von Pariser Großspurigkeit eigentlich wissen müssen, wie schnell sich Druck aufbaut. Seine Wortmeldung war symptomatisch für eine Generation, die mit Weltmeister-Titeln, Champions-League-Siegen und Galáctico-Gehältern aufgewachsen ist.

Deschamps wird in den nächsten Tagen intern Gespräche führen. Nicht, um Spieler zu demütigen, sondern um sie an die Mentalität von 2018 zu erinnern: Leistung zuerst, Prominenz später. Die WM in Katar hatte gezeigt, wie schnell eine vermeintliche Supermannschaft an Selbstüberschätzung zerbrechen kann.

Die Franzosen verlassen diese Länderspielperiode mit zwei Siegen, null Gegentoren und einem Coach, der die Meisterschaft nicht auf dem Papier gewinnen will. 'Ich will, dass sie ehrgeizig sind – aber mit beiden Beinen auf dem Boden', schloss Deschamps. Die Botschaft ist klar: Wer früh denkt, er sei angekommen, wird im Juli nach Hause fliegen. Die großen Titel werden nicht in März gewonnen – aber sie können dort verloren werden.