Der junge mit den 90 minuten: motta erzählt vom traum-debüt
Edoardo Motta stand gestern Abend im Olimpico und wusste: Jetzt oder nie. 21 Jahre alt, bislang nur Tribünenplätze, plötzlich keeper der Lazio gegen Sassuolo – und er hielt, was zu halten war. Die Kurven rasten, seine Familie weinte, das Stadion bebte. 2:1 hieß es am Ende, aber die Zahl, die allein zählt, lautet: 1. Erste Partita, erste Legende.
„Ich habe die tränen weggeschluckt, bis zur 93.“
Motta selbst klang nach Abpfiff wie jemand, der eben von einem Fallschirm gelandet ist und noch unter der Haube den Nachgeschmack von Wolken hat. „Unbeschreiblich“, sagte er und wischte sich dabei fast schon unbewusst mit dem Trikot über die Augen. „Als mir der Bizzarri gestern Abend sagte, ich würge starten, hab ich nur gedacht: Lauf raus, atm durch, ball weg.“
Der 34-jährige Provedel fällt mit Kreuzbandriss aus, also rückt der Jugendliche nach, der erst seit Januar mit den Profis trainiert. Keine Zeit für Nervosität. „Ich hab versucht, die Emotion im Magen zu lassen, sonst hätte ich sie beim ersten Einwurf rausgekotzt“, lacht Motta. Stattdessen parierte er in der 57. Minute den entscheidenden Kopfball von Pinamonti, die Latte half ihm später noch einmal. Kurz vor Schluss warf er sich in den Schuss von Thorstvedt, der zum Anschlusstreffer unterwegs war – Schiene links, Ball drin, aber Motta berührte ihn gerade noch so, dass die Kugel am Pfosten landete.
Die Zahlen sind klein, die Wirkung riesig: 4 paraden, 78 % Passquote, 1 Sieg. Die Curva Nord skandierte nach Abpfiff seinen Namen, Präsident Lotito sprang auf die Bande, als wolle er gleich mitfliegen. „Das ist kein Debüt, das ist ein Manifest“, sagte ein Scout des FC Bologna am Rande, der wegen eines möglichen Sommer-Leihgeschäfts eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte.

Der torwarttrainer, der ihn einst schenkte, war gestern gegner
Ironie der Geschichte: Sassolos Keeper-Coach Marco Bizzarri war es, der Motta vor drei Jahren als U-17-Betreuer zum ersten Mal die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Du wirst mal vor 50.000 stehen.“ Gestern stand er in der gegnerischen Coaching-Zone, sah aus, als würde er jeden seiner eigenen Sprühe zitieren. „Er hat mir nach dem Spiel die Kappe geklaut und gesagt: ‚Jetzt bist du dran, mein Junge.‘ Das werde ich nie vergessen“, so Motta.
Destino? Vielleicht. Aber ohne die harten Monate in der Winterpause wäre nichts passiert. Motta trainierte dreimal täglich, verlor vier Kilo, lerfte englisch, um mit Verteidiger Rüdiger besser kommunizieren zu können. „Wenn du um fünf Uhr morgens aufwachst und merkst, dass der Gärtner schon den Rasen mäht, weißt du, dass du zu spät kommst“, sagt er.
Für Lazio-Trainer Tudor war der Einsatz keine Nummer, sondern Notwendigkeit. „Er hat null Angst, das sah ich in der Vorbereung. Und Angst ist das schlimmste Gift für einen Torwart“, erklärte der Coach. Für die restliche Saison will er Motta als Nr. 1 behalten – ein Schritt, der in der Serie A selten so konsequent vollzogen wird. Denn am Horizont lauert die Rückkehr Provedels, und die Italiener diskutieren bereits, ob ein 21-Jährige den Druck auf Dauer tragen kann.
Motta selbst will nicht von Druck reden, sondern von Dank. „Ich habe heute Nacht nicht geschlafen, sondern nur die Decke angestarrt und gedacht: 90 Minuten, die dein ganzes Leben umbiegen.“ Wie viele solcher Nächte noch folgen, wird sich zeigen. Fakt ist: In Rom spricht man heute nicht über den zweiten Platz in der Tabelle, sondern über den Jungen, der aus Verona kam und im Olimpico die Zeit kurz anhielt. Er hat 24 Stunden, um sich zu freuen. Am Samstag gastiert Juventus. Dann darf er wieder weinen, aber nur hinter der Maske. Torleute weinen nie öffentlich – außer vielleicht bei ihrem ersten Mal.
