Chiarugi packt aus: depression in florenz, cup-doppel mit milan – und das unaussprechliche verona-desaster
Luciano Chiarugi zögert keine Sekunde, als er das Wort Depression ausspricht. „Zehn Kilo abgenommen, keine Lust mehr auf Essen, keine Lust mehr auf Fußball“, sagt er mit rauer Stimme. Für den Mann, den ganz Italien als „cavallo pazzo“ kannte, war das Jahr 1971 eine Katastrophe. Der damalige Fiorentina-Star erinnert sich, wie Trainer Nils Liedholm ihn systematisch ausbremste – und wie er sich dank Nereo Rocco beim Milan ein zweites Leben eroberte.
Der spitzname, der nie mehr abfiel
Den Kosenamen verdankt er einem Solo gegen Dino Zoff. „Ich nahm den Ball im Mittelkreis mit, schaltete auf Galopp und riss alle nieder. Am nächsten Tag stand „cavallo pazzo“ in der Gazzetta“, lacht Chiarugi. Was wie ein Spaß klingt, wurde zur Marke: Dribblings, irrsinnige Tempi, ein Offensivfuchs, der Gegner und Reporter gleichermaßen austanzte.
1969 krönte sich die Fiorentina zum Meister – und Chiarugi war trotz Achillessehnenproblemen der Joker. „Wir waren eine Komödiantentruppe, keine Mannschaft. Pesaola schmiss uns mit Witzen und Disziplin gleichzeitig. Immer diese Bischerate im Umkleideblock – das war unser Geheimnis“, erzählt er.

Wie liedholm ihn fast zerbröselte
Zwei Jahre später das Fiasko. Der schwedische Neucoach setzte ihn auf die Bank, ignorierte ihn, duzte ihn nicht einmal. „Ich war 24 und fühlte mich wie 64. Das Wort Depression kannte damals niemand – aber genau das war es.“ Ende Mai 1971 packte er die Koffer, flog nach Mailand – und landete in Nereo Roccos Küche. „Der Paròn schaute mich an und sagte: ‚Das ist alles, was wir gekauft haben?‘ Dann steckte er mir die Köche und eine Pasta-Tortur an. Drei Monate später war ich wieder flott.“

Der cup der cups und riveras geste
1973 stand Milan im Finale der Cupsieger gegen Leeds. Chiarugi hatte sich den Freistoßpunkt erbettelt – von niemand geringerem als Gianni Rivera. „Ich spürte es einfach. Gianni gab mir den Ball, ich hämmerte ihn rein. Bis heute telefonieren wir und lachen: ‚Du hättest nur diese eine Chance bekommen, Glück gehabt!‘“
Rivera sei „der größte Spieler, mit dem ich je kickte – neben Gigi Riva. Letzterer hatte einen Schuss wie eine Kanone, testete nach dem Training einfach weiter, bis der Ball Qualm zog.“

Verona 1973 – das unaussprechliche wunder
Die Niederlage gegen Hellas Verona – bis heute ein offener Wunden-Dokument. „Ich würde sie sofort wiederholen, nur um zu verstehen, was passiert ist. Wir waren erschöpft vom Leeds-Krimi, das Stadion voller Milan-Fans – und plötzlich war alles weg. Keiner schrie im Kabinenblock, nur Rocco fluchte. Aber wir blieben eine Einheit, auch im Schweigen.“
Chiarugis Karriere kreist um diese Extreme: Triumph in Florenz, Depression, Wiedergeburt in Mailand, fast ein Triple, dann das Verona-Trauma. Und immer wieder diese Frage: Warum musste ein Spaßvogel wie er gerade die Hölle kennenlernen, um zu begreifen, dass Fußball mehr ist als Show?
„Ich habe nie gefoult, nie geschielt“, sagt er über die Vorwürfe des Schummelns. „Die Schiedsrichter mochten meinen Stil nicht. Aber damals gab es keine Videos, nur echte Tritte.“ Seine Antwort auf alles: lächeln, dribbeln, weitermachen – eben ein echtes cavallo pazzo, das nie aufgab.
