Cazorla ballert sich mit oviedo in den abstieg – und findet trotzdem das happy end

Santi Cazorla lacht, während die Tabelle ihn anlügt. Oviedo ist Letzter, die Liga ist so gut wie verloren – und der 39-Jährige strahlt wie ein Pokalsieger. Denn der Asturier lebt einen Gefühlskonter: Er trägt endlich das Trikot, für das er mit 17 Jahren schon einmal weinte, als er es ablegen musste.

Die Zahlen sind gnadenlos: 15 Punkte aus 20 Spielen, das schwerste Programm der Rückrunde, ein Torverhältnis wie ein offener Schrank. Doch Cazorla schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: „Solange die Mathematik noch atmet, haben wir eine Chance.“ Das klingt nach Pathos, ist aber seine DNA. Der Mann, der sich die Achillesferse zweimal zerfetzt und aus der Wüste zurückgekehrt ist, fürchtet keine Tabelle.

Das aufstiegs-tor war seine meister-akrobatik

Im Juni schoss er den Elfmeter, der Oviedo nach 21 Jahren in die Primera División katapultierte. 28 000 Menschen weinten im Estadio Carlos Tartiere, Cazorla trägt das Video auf dem Handy mit sich herum. „Zwei EM-Titel, ein Europa-League-Sieg mit Arsenal – alles schön. Aber das hier war das erste Mal, dass ich meine Mutter im Stadion jubeln sah.“ Der Pokal war ein silberner Löffel, dieses Tor schmeckt nach Kindheit.

Doch die Realität nagt. Gegen Levante unterlagen sie 0:3, die Abwehr wirkt wie ein offenes Tor. Cazorla schlendert trotzdem durch die Mixed Zone, unterschreibt, posiert, erklärt. Er weiß, dass er in der Kabine nicht mehr der Dribbler ist, sondern der Seelen-Notarzt. „Wenn ich 18 war, wollte ich jeden Gegner mit einem Tunnel aus dem Stadion befördern. Heute will ich, dass der 19-jährige Linksverteidiger nicht mehr zittert, wenn er den Ball bekommt.“

Die wm-narbe und die katar-sehnsucht

Die wm-narbe und die katar-sehnsucht

Seine einzige echte Wunde sitzt tiefer. 2014 musste er wegen einer Achillessehnen-Apokalypse den WM-Traum absagen. „Ich habe die Einladung in der Hand gehabt und durfte nicht mitfahren. Das ist meine Espinita, der Splitter, der nie rauskommt.“ Stattdessen ging er nach Katar, holte sich das Geld und die Sonne, fand aber keine Heilung. „Jeder macht seine Reise. Ich habe meine gemacht, bin zurückgekommen und habe mir eingebildet, dass das hier das letzte Kapitel ist.“

Dabei hätte er auch Barcelona tragen können. „Sie wollten mich, es hat sich nie ergeben. Aber ich bin kein Sammler mehr, ich bin ein Ordner. Und meine letzte Datei trägt das Oviedo-Logo.“

Pedri schickt ihm Videos, Cazorla schickt Sprachnachrichten. „Der Junge spielt Fußball, wie man Luft atmet – ganz normal, ganz leise, ganz tödlich.“ Das klingt wie ein Vater, der seinem Sohn die Skateboard-Rampe zeigt, auf der er selbst früher gestürzt ist.

Abstieg oder nicht – er gewinnt trotzdem

Abstieg oder nicht – er gewinnt trotzdem

Die Saison endet vermutlich mit dem Abstieg. Die Statistik gibt Oviedo zwei Prozent Überlebenschance. Cazorla aber hat schon gewonnen. Er wird nicht mehr in die Wüste fliegen, nicht nach Saudi-Arabien, nicht nach Miami. Er wird in Asturien bleiben, seine Kinder auf dem Rasen des Tartiere tollen lassen und irgendwann ein Bier mit dem Mann trinken, der ihn mit 17 Jahren verpflichtete und der jetzt 72 ist. „Ich habe mein ganzes Leben dafür gespart, dieses eine Trikot zu tragen. Wenn es morgen aus ist, bin ich trotzdem im Lotto gewonnen.“

Die Liga kann ihn nicht mehr kriegen. Er hat sich selbst eingeholt.