Barella muss im derby-titelkampf endlich aufwachen
Es gibt viele Versionen von Nicolò Barella, die San Siro in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte. Die aktuelle ist die blasseste. Kein Funke, kein Rhythmus, kein Strahlen – und ausgerechnet jetzt wartet das wichtigste Spiel der Saison: Sonntag, Derby della Madonnina, Meisterschaft auf dem Spiel, und am rechten Arm die Kapitänsbinde als Stellvertreter von Lautaro.
Chivu braucht den echten barella – nicht diese kopie
Trainer Cristian Chivu weiß genau, was er von seinem Mittelfeldspieler erwartet. Nicht nur Defensivarbeit gegen Adrien Rabiot, diesen physisch überragenden Franzosen, der in der Serie A wie aus einer anderen Gewichtsklasse wirkt. Nein, der Plan ist offensiver: Barella soll Rabiot zwingen, rückwärts zu laufen, soll das Spiel nach vorne treiben, soll die Schnittstellen reißen. Das war einmal seine Spezialität. Zuletzt war davon wenig zu sehen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Durchschnittsnote 6,28 in dieser Saison – deutlich unter seinen Werten in den beiden Meisterjahren: 6,52 in der Saison 2020/21, 6,51 in 2023/24. Sechs Vorlagen hat er bislang geliefert, ein einziges Tor – gegen Cremonese, einen Gegner der unteren Tabellenhälfte. Gegen den AC Milan hat er in seiner gesamten Mailänder Zeit noch nicht einmal getroffen. Sein einziger Treffer gegen die Rossoneri stammt aus der Saison 2017/18 – noch im Trikot seines Heimatvereins Cagliari, und auch das war eine Niederlage.

Das derby als persönliche abrechnung
Inter steckt selbst in einem merkwürdigen Fluch: Seit dem Gewinn des zweiten Sterns im April 2024 hat der Klub kein einziges Derby mehr gewonnen. Zwei Jahre, kein Sieg gegen den Stadtrivalen. Barella war jedes Mal dabei. Jedes Mal ohne Tor, ohne den entscheidenden Moment.
Auf Sardinien nannten ihn seine Mitspieler liebevoll Radiolina – das kleine Radio, das nie aufhört zu reden. Das Reden ist geblieben, der Einfluss auf das Spiel nicht immer. Was sich verändert hat: die Umgebung. Denzel Dumfries fehlt auf seiner Seite – der Niederländer, der Barella mit seinem Tempo und seiner Energie nach vorne zog wie ein Sog. An seiner Stelle agiert Luis Henrique, ein Spieler, der seine Rolle verwaltet statt gestaltet. Das merkt man. Vor allem Barella merkt es.

Sechs millionen euro und ein versprechen bis 2029
Weder der Trainerstab in Appiano noch die Vereinsführung in der Viale della Liberazione machen sich echte Sorgen. 6,5 Millionen Euro Jahresgehalt, Vertrag bis 2029 – das ist kein Zeichen von Misstrauen, sondern von Überzeugung. Man weiß, dass dieser Spieler wiederkommt. Immer. Er ist nach einem kleinen Oberschenkelriss vor knapp drei Wochen zurückgekehrt, stand trotz Schmerzen gegen Juventus auf dem Platz, spielte danach zweimal gegen Bodø/Glimt – beide Male bittere Niederlagen.
Nach dem Aus in der Europa League stellte er sich vor die Kameras, lobte die Norweger, erinnerte daran, dass ein verschenkter Elfmeter gegen Liverpool seinen Klub direkt ins Achtelfinale gebracht hätte. Kein Verstecken. Das ist Barella. Und genau deshalb trägt er am Sonntag die Binde.

Barellik – der superheld, den inter jetzt braucht
Die Interisti hatten für ihn einst einen eigenen Namen erfunden: Barellik. Ein Marvel-Held in Schwarz-Blau, der über San Siro schwebt und Träume bewacht. Diese Version war die mit neun Toren in der Saison 2022/23, die Version, die im Champions-League-Finale von Istanbul strahlte – auch wenn das Ende bitter war. Die Version, die das Mittelfeld nicht nur organisierte, sondern elektrisierte.
Jetzt, in dieser Derby-Nacht, die über Meister oder Nicht-Meister entscheiden könnte, wartet ganz Mailand auf seine Rückkehr. Nicht auf den blassen Barella der letzten Wochen. Auf Barellik. Und der ist – wenn man den Leuten in Appiano glaubt – noch da. Er wartet nur auf den richtigen Moment.
Sonntag wäre ein guter.
