Atlanta zerquetscht: bayerns 6:0 blitzt italiens krise
Der Tiefschlag dauerte 90 Minuten, die Wirkung wird Monate anhalten. Atalanta Bergamo kassierte im Achtelfinale der Champions League eine 0:6-Heimpleite gegen den FC Bayern München – und mit jedem Gegentor riss ein Stück italienischer Fußballstolz. Es war nicht nur das Aus, es war die Demütigung. Die letzte verbliebene Serie-A-Vertreter flog raus, die Serie A selbst steht mit leeren Händen da.
Die zahlen, die schreien
Napoli, italienischer Meister, landete in der Gruppenphase auf Rang 30 der UEFA-Koeffizienten. Tabellenführer Inter scheiterte bereits in der Vorrunde an Bodo/Glimt, einem Dorfklub aus Norwegen. Die Norweger schossen der Squadra Azzurra zuvor schon ein 7:1. Drei Klubs, drei Desaster – und das ist erst der Europapokal. In 15 Tagen empfängt Bergamo die italienische Nationalmannschaft gegen Nordirland. Es geht um den letzten Halt vor dem Abstieg in Liga C der Nations League. Ein neues Stadio, dieselse alte Angst.
Was bleibt, ist die Erkenntnis: Die italienische Fußball-Renaissance ist Geschichte. Die Klubs verloren Taktik, Tempo und vor allem Geld. Die Premier League schreibt Umsatzrekorde, die Bundesliga investiert in Nachwuchsleistungszentren, selbst die Ligue 1 modernisiert ihre Stadien. Italien diskutiert noch über die Abendunterbrechung der Fernsehbilder für Glücksspumpe. Das Loch wird tiefer.
Hansi Flick hatte seine Bayern nach der Pause einfach umschalten lassen – 4:0 nach einer Stunde. Atalantas Coach Gian Piero Gasperini stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, als hätte er die Geister, die er einst beschwor, verloren. Die Südamerikaner-Zusammenstellung seiner Verteidigung wirkte wie ein offenes Tor. Zapata murmelte, Pasalic stolperte, De Roon schaute nur. Die Miasanmia spielte Katz und Maus, Musiala tanzte, Sané sprintete. Die Gewiss-Stadium-Anlage verstummte schon zur Pause.

Ein land schaut in den spiegel
Die UEFA-Koeffizienten sind kein Papierkram, sondern der Aktienkurs nationaler Glaubwürdigkeit. Italien rutschte auf Platz fünf, hinter Frankreich, und droht, im Ranking erstmals hinter den Niederlanden zu landen. Das bedeutet: weniger Startplätze, weniger TV-Gelder, weniger Attraktivität. Der Teufelskreis dreht sich. Die Klubs kaufen teure Ausländer, weil sie schnelle Erfolge brauchen. Die jungen Italiener sitzen auf der Bank oder wandern ab. Der Kreislauf schließt sich.
Und die Nationalmannschaft? Trainer Luciano Spalletti hat seit seinem Amtsantritt 42 Spieler eingewechselt – mehr als jeder Vorgänger. Stabilität sieht anders aus. Gegen Nordirland wird Gianluigi Buffon als Teammanager neben der Bank sitzen und die Jungs ermutigen. Die Jungs schauen auf den Rasen, auf dem ihre Klub-Kollegen eben noch untergingen. Die Ironie: Ein Sieg rettet nicht, nur ein Debakel verhindern. Die dritte Apokalypse nach dem WM-Aus 2018 und dem Nations-League-Aus 2022 lauert.
Italiens Fußball muss neu erfunden werden, nicht nur neu trainiert. Die Taktik-Philosophie, die einst Weltmeister machte, wirkt wie ein Relikt. Ein Land, das sich selbst als Verteidigungsmeister sah, kassiert in 180 Europapokal-Minuten elf Gegentore. Die Zahlen sind lauter als alle Pressekonferenzen. Es gibt keinen Buh-Ruf, nur betretenes Schweigen. Die Kurve schweigt, die Kameras zoomen auf Kinder mit Schminkgesichtern, die nicht begreifen, warum Papa plötzlich so leise ist.
Am Ende bleibt eine Frage, die niemand laut stellt: Wenn schon Bergamo fällt, wer hält dann Italien? Die Antwort steht 0:6 in den Statistiken – und sie wird in den nächsten Monaten jeden Gegner anfeuern.
