Antonelli träumt: 19-jähriger erstmals seit 20 jahren italienischer wm-leader
Ein einziger Boxenstopp, zehn Sekunden gespart – und plötzlich ist Kimi Antonelli der jüngste WM-Leader der Formel-1-Geschichte. Zwischen Rusells Bremsfehler und Bearmans Crash schlüpfte der 19-Jährige durch die Tür, die sonst nur Lewis Hamilton und Max Verstappen kennen. Suzuka war nicht sein erster Sieg, aber sein erstes Machtdemonstration.
Der champagner kam trotzdem – nur nicht aus der flasche
Weil in Japan erst mit 21 getrunken werden darf, musste Antonelli den Moët & Chandon stehen lassen. Dafür duschten ihn die eigenen Mechaniker mit Sekt aus dem Löwenmund von Ferrari – ein Bild, das innerhalb von Minuten viral ging. Die Ironie: Er flüchtete sich genau in die Garage des Rivalen, um dem Champagner-Regen zu entkommen. Italiener, die seit zwei Jahrzehnten auf einen eigenen Hoffnungsträger warteten, feiern sich jetzt selbst: „Endlich schauen wir nicht nur nach Maranello“, sagt ein Tifoso in Imola.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Zweite Pole, drittes Rennen, erste Führung. Letzter Italiener vor ihm im WM-Thron: Giancarlo Fisichella, März 2005 in Melbourne. Damals war Antonelli vier Jahre alt. Jetzt steht er vor fünf Wochen Winterpause – genug Zeit, um sich die 21 Punkte Vorsprung vor Russell einzufrieren und zugleich die Schwächen zu analysieren. Denn der Start in Suzuka war ein Debakel: vom zweiten auf den sechsten Platz gefallen, Reifen durchgedreht, im Windschatten erstickt.

Rusell bleibt die referenz – und das nächste ziel
„George ist halt ein Tier“, sagt Antonelli und klingt dabei wie ein alter Haudegen, nicht wie ein Teenager. „Er wird nicht aufhören, uns zu jagen.“ Tatsächlich war Russell vor dem Safety-Car das Maß aller Dinge: Schnellste Rennrunde, konstante 1:34er-Zeiten, bis sein Stopp zu spät kam. Die Ingenieure in Brackley und Brixworth haben den W15 offenbar auf einen sweet spot getrimmt, der Antonellis Fahrstil perfekt bedient: spät bremsen, früh treten, das Auto quer durch die 130R tragen.
Die Frage nach der Nachhaltigkeit bleibt. Miami, Imola, Monaco – drei Strecken, die keine Gnade kennen. „Ich will einfach nur trainieren, schlafen, feiern – und dann wieder trainieren“, sagt er. Kein Pathos, keine PR-Phrasen. Dafür eine Selbsteinschätzung, die selbst seinen eigenen Teamchef überrascht: „Er erinnert mich an einen jungen Alonso, nur ohne das Drama.“
Italiens Medien überschlagen sich bereits mit Superlativen: „Il nuovo re“, titelt Gazzetta dello Sport. Die Quote für einen Weltmeister aus Italien ist bei den Buchmachern von 34,0 auf 4,5 gesunken. Die nächste fünf Wochen wird Kimi Antonelli nicht nur mit Interviews füllen, sondern mit Daten. 1.200 Kilometer im Simulator, 80 Seiten Setup-Tables, ein persönlicher Fitnesstrainer, der ihn auf die Hitze in Miami vorbereitet. Der 19-Jährige hat verstanden: Führen ist leicht, verteidigen die Kunst.
Wenn die Formel 1 am 4. Mai wieder startet, wird er 20 sein. Alt genug für Champagner – und jung genug, um sich noch einmal neu zu erfinden.
