Andrea eskau will noch einmal zustoßen – mit 54 und ohne medaille

Die Zahlen sind längst Legende: fünf Winterspiele, 17 Medaillen, sieben Titel. Doch Andrea Eskau schaut nach vorne. „Wäre schon geil, wenn ich noch mal zuschlagen könnte“, sagt sie knapp 48 Stunden vor dem Riesenslalom in Cortina. Mit 54 Jahren. Nach zwei Rennen ohne Podest.

Der hunger bleibt

Die Sitzschale ihres Mono-Skis ist neu gebohrt, die Oberarme so definiert wie vor zwanzig Jahren. Eskau lacht, wenn Reporter nach dem Alter fragen. „Die Uhr tickt, klar. Aber die Muskulatur tickt lauter.“ Ihre Konkurrentinnen sind teilweise jünger als ihre älteste Tochter. Im Super-G wurde sie Sechste, in der Abfahrt Achte – für jene, die sie nur aus Lehrbüchern kennen, ein Ausrutscher. Für Eskau ein Signal: Zwischenrang, aber in Reichweite.

Dabei hatte sie sich nach Peking fast abgemeldet. Drei Operationen, ein verschobenes Studium, die Frage aller Fragen: Nochmal? Die Antwort steht zwischen Carbon und Schnee. „Ich kann nicht akzeptieren, dass meine letzte Paralympics-Medaille 2018 ist. Das klingt nach falscher Endmusik.“

Die gegnerin heißt muraoka – und die eigene kurve

Die gegnerin heißt muraoka – und die eigene kurve

Die Japanerin Momoka Muraoka führt die Klasse sitzend an, nach Schlüsselbeinbruch und Reha. Ihr Vorsprung: 0,54 Sekunden. Eskau kennt die Zahlen, sie hat sie auf dem Zettel im Skistiefel kleben. „Eine halbe Sekunde ist nichts, das holst du in einer Kurve raus.“ Die Kurve kommt: Steilhang, sechs Tore, Eis unter der Sohle. Dort hat Eskau 2018 in Pyeongchang den Slalom gedreht, Gold in 1:33,16 Minuten. Sie erinnert sich, wie das Metall schmeckte. Metall schmeckt nach Salz und Adrenalin.

Deutschlands Skichef nennt sie intern „die CPU des Teams“. Eskau analysiert Schneetemperaturen, Videosequenzen, die Atemfrequenz der Gegnerinnen. Ihre Mitfahrerin Anna-Lena Forster holt schon das zweite Gold – und schaut genau hin. „Wenn Andrea in die Startbox steigt, wird es laut. Nicht wegen der Musik, sondern wegen ihr.“

Was zählt, ist der nächste torbogen

Was zählt, ist der nächste torbogen

Die Statistik sagt: Seit Salt Lake 2002 stand Eskau bei jeden Winterspielen auf dem Podest. Die Realität sagt: Noch nicht in diesem Jahr. Die Stimme sagt: „Ich fahre nicht nach Hause, ohne dass ich gebissen habe.“ Der Riesenslalom startet am Freitag, 10.47 Uhr, Piste „Tofane“, 1.740 Meter Seehöhe. Dort, wo die Sonne zuerst die Eisdecke bricht, will Eskau die Kurve finden, die 0,54 Sekunden pulverisiert.

Die Uhr tickt. Die Muskulatur auch. Und Andrea Eskau? Die greift nach dem nächsten Biss.