Als gorbatschow maradona nach moskau lockte – und das izvestia die welt verarschte
1. April 1988, 07:43 Uhr Moskauer Zeit: Das Izvestia liegt auf dem Frühstückstisch des Generalsekretärs. Mikhail Gorbatschow blinzelt zweimal. Da steht er, Diego Maradona, im roten Spartak-Trikot, lässig an der Mittellinie des Lenin-Stadions, und neben ihm prangt die Headline: „Maradona denkt an Spartak“. Die Perestroika hat eben ihre erste Transfer-Bombe gezündet – oder etwa nicht?
Warum ein aprilscherz im moskau des jahres 1988 ein erdbeben auslöste
Im Westen lacht man über solche Späße. In der Sowjetunion jedoch war das Izvestia heilige Schrift. Kein Witz, kein Zweifel. Als die US-Nachrichtenagentur AP die Meldung übernahm, rissen die Telefone im Izvestia-Newsroom nicht mehr ab. Wie viele Rubel? Wann landet er in Sheremetyevo? Kann ich meine Ersparnisse spenden? Die Redaktion musste am 2. April eine Richtigstellungs-Anzeige drucken – so etwas gab es noch nie. „Unser Informationsdienst erinnert sich an keine vergleichbare Lawine von Anrufen“, schrieben die verunsicherten Journalisten.
Die Zahlen lagen damals auf dem Tisch: 6 Millionen Dollar Ablöse, umgerechnet 3,8 Millionen Rubel. Das Zentralinstitut für Sportökonomie hatte durchgerechnet: Nach einer Saison wäre die Ablöse refinanziert, der Gesamtumsatz über die Vertragslaufzeit auf 10,6 Millionen Rubel veranschlagt. Viktor Ponedelnik, Held von 1960, wetterte mit: „Die Fans sollen mithelfen, den Weltmeister zu kaufen!“

Die nacht, in der maradona roter platz wurde – und spartak ihn trotzdem nie trug
Zwei Jahre später, am 6. November 1990, stand der Argentinier tatsächlich in Moskau – aber im Trikot von Neapel. Spartak schaltete den italienischen Meister in der Europapokal-Achterfinal-Rückspiel aus. Maradona saß 90 Minuten auf der Bank, flog mit der Privatmaschine, wurde von Luciano Moggi erpresst: „Wer nicht mit der Mannschaft reist, spielt nicht.“ Die Partie endete 0:0, El Pibe de Oro verwandelte nicht einmal einen Elfmeter, Spartak zog nach 5:3 im Penaltyschiessen weiter und schleuderte später auch Real Madrid raus.
Die Ironie: In der Nacht zuvor spazierte Diego mit Claudia Villafañe um 2 Uhr früh über den Roten Platz – Sicherheitskordon aufgeklappt, Visonsmäntel, Blitzlichter. Während Gorbatschow am nächsten Tag mit Militärparade die Oktoberrevolution feierte, dachte der beste Spieler der Welt vielleicht daran, wie sein Leben in Moskau verlaufen wäre, hätte der Aprilscherz Wirklichkeit geworden.
Am 3. April 1988 titelte MARCA schon ironisch: „Inocentada in der UdSSR – Die Perestroika erreicht ihren Höhepunkt.“ Der Witz war nur auf Kosten der sowjetischen Leser, die noch nicht wussten, dass Pressefreiheit auch Falle sein kann. Heute, dreißig Jahre später, wäre ein solcher Fake in Zeiten von Twitter und Klarnamen-Pflicht binnen Minuten entlarvt – damals brauchte es einen Tag, um die Wahrheit einzuholen. Und genau das macht die Geschichte so unglaublich: Dass ein einzelnes Zeitungslayout die Welt verrückt spielen ließ, während der Mann, um den alles kreiste, in West-Berlin gerade 4:2 gegen die Sowjets verlor und selbst traf. Der Rest ist Legende – ohne Rubel, ohne rotes Trikot, aber mit einem Spaziergang über einen Platz, den niemand betreten durfte, außer eben Diego Armando Maradona.
