Köln kommt für hjulmand wie ein gift, das er braucht
Kasper Hjulmand lacht nicht, aber seine Stimme klingt, als hätte er gerade einen Schluck bitteren Kaffee gekippt: „Das Derby kommt zum richtigen Zeitpunkt.“ Rechts neben ihm sitzt ein Pokal-Abnippel-Video, links die Augsburg-Pleite. Dazwischen: 1. FC Köln, Tabellenletzter, aber im eigenen Stadion immer noch ein Molotow-Cocktail mit Zündschnur. Für Leverkusen ist das kein Nachbarschaftskrach, sondern die letzte Zündschnur zur Champions League.
Die zahlen schreien lauter als der trainer
Vier Punkte Rückstand auf Platz vier, zwei auf Rang fünf – und nur noch vier Partien. Seit dem achten Spieltag hat Bayer 04 keine Serie länger als zwei Siege hingelegt. Wer diese Tabelle betrachtet, braucht keinen Kompass, um zu wissen, wo die Reise hingeht: nach Köln oder nach Europa-League-Donnerstag. „Wir müssen alle vier gewinnen“, sagt Hjulmand, ohne Pathos, als hätte er die Rechnung gerade auf dem Serviettenrand vorgerechnet.
Der dänische Kopf versucht, den Druck nicht noch anzufachen, doch die Fakten tun es für ihn. Ohne Sieg im Rhein-Energie-Stadion ist die Saison in 90 Minuten vorbei – egal, was danach kommt. Die Bayern-Pleite (0:2) war nicht nur ein Pokal-K.o., sondern auch ein Selbstvertrauen-Delikt. Gegen Augsburg (1:2) folgte der Nachschlag. Nun also Köln, der Angstgegner mit dem schlechtesten Angriff der Liga – aber mit einem Derby-Feuer, das selbst Schlusslichter zur Garde élite mutieren lässt.

Feuer ist nicht gleich feuer
Hjulmand weist die These zurück, seine Mannschaft habe gegen München an Mut gemangelt. „Das war keine Frage von Energie“, betont er. Stattdessen spricht er von Struktur, von spielerischer Qualität, von Kontrolle. Die Emotionen des Derbys will er nicht als Treibstoff missbrauchen, sondern dosieren wie Nitroglyzerin: zu viel, und das Spiel explodiert; zu wenig, und es verpufft. „Die Leidenschaft müssen wir kontrollieren, aber auch spüren lassen“, sagt er. Klingt nach dänischem Zen-Buddhismus auf Rasen.
Die Personalie Lucas Vazquez steht noch unter Vorbehalt. Der Mittelfeldanker laboriert an einer Oberschenkel-Prellung, fiel gegen Bayern aus. „Wahrscheinlich kann er nicht spielen“, raunt Hjulmand. Auch Christian Kofane bleibt außen vor – der Stürmer ist „nicht bereit“. Die Lücke in der Zentrale könnte Robert Andrich stopfen, doch der ist gelb-rot-bedroht. Ein weiterer Karton und er fehlt im Endspurt. Die Kaderdecke wird dünner, der Zeitstrahl kürzer.

Köln spielt mit dem messer zwischen den zähnen
Auf der Gegenseite wartet ein Abstiegskandidat, der nichts mehr zu verlieren hat. Für den 1. FC Köln ist das Derby die einzige Tropfen Adrenalin, die diese Saison noch versprechen. Trainer Friedhelm Funkel – Notlösung, Feuerwehrmann, Seelenfänger – wird seine Mannschaft auf Beton stellen, dazu ein paar Konter und jede Menge Gebrüll. Leverkusen kennt das aus der Vergangenheit: 2018 verlor man hier 0:2 und verspielte die Champions-League-Teilnahme. Die Gespenster sind noch im Stadiondach.
Hjulmand hat die Videoanalyse gesehen, kennt die Laufwege von Florian Kainz und die Zweikampfstärke von Timo Hübers. Er weiß, dass sein Team nicht nur Fußball spielen muss, sondern auch Körpersprache. „Wir brauchen die richtige Mischung aus Kampf und Klarheit“, sagt er. Kein Geschwafel von „Wir schauen auf uns“. Der dänische Realist spricht Tacheles. Wer in Köln die Zweikämpfe verliert, verliert auch die Saison.

Der countdown tickt schon beim aufwärmen
Am Sonntag um 17.30 Uhr wird nicht nur ein Derby angepfiffen, sondern auch ein Halbfinale um die Zukunft. Die UEFA-Rangliste? Mag Deutschland auf Platz zwei klettern, reicht Rang fünf für die Königsklasse. Doch dafür muss Leverkusen erst mal gewinnen – und Dortmund, Leipzig oder Frankfurt patzen. Die Rechnung ist kompliziert, die Botschaft simpel: Sieg oder Saisonende. Hjulmand nimmt den Giftcocktail mit stoischem Gesichtsausdruck. „Wir fahren nach Köln, um Vollgas zu geben.“ Ob das reicht, entscheidet sich in 90 Minuten, in denen die Emotionen nicht mehr kontrolliert, sondern gelebt werden müssen. Köln wartet mit dem Messer, Leverkusen mit dem Herzschrittmacher. Nur eins von beiden überlebt.
