Jochen Schümann: Von der Schul-AG zum Olympiasieger

Die anfänge der segel-leidenschaft

In einer Schul-AG begann die Segel-Leidenschaft von Jochen Schümann (71). Der Berliner war begeisterter Bastler, und an der Schule im Stadtteil Köpenick bot sich 1965 die Gelegenheit, ein eigenes Boot zu bauen. „Ich liebe die Arbeit mit Holz“, erinnert sich Schümann. „Ab der fünften Klasse durfte ich an der AG ‚Bootsbau Segeln‘ teilnehmen.“ Im Sommer 1966 ließ er den Optimisten dann erstmals im Müggelsee zu Wasser. Kurz darauf wurde er bereits Berliner Meister in dieser Bootsklasse. Der Startschuss für die Weltkarriere des erfolgreichsten deutschen Seglers.

Der weg zum olympiasieger

Der weg zum olympiasieger

Bald ging es in die Segelabteilung des Berliner TSC, doch an Olympia war zunächst nicht zu denken. „Der Zufall spielte eine große Rolle bei mir“, sagt Schümann. „Ich hatte 1972 das Glück, für das olympische Jugendlager nominiert zu werden. Da war ich sechs Wochen in München und Kiel, erlebte die Olympischen Spiele hautnah. Das war ein Traum und hat mir einen Riesenkick gegeben. Da wurde mir klar: Das willst du auch einmal als Sportler! Das war mein Schlüsselerlebnis.“

Erfolge und rückschläge

Erfolge und rückschläge

Den Schwung nutzte Schümann erfolgreich, um sich in der DDR gegen die etablierten Segler von der Ostsee durchzusetzen. Er war zweimal Junioren-Europameister. Das überzeugte die sportliche DDR-Führung. So durfte er 1976 als erst 22-Jähriger zu den Olympischen Spielen. In Kanada fuhr er im Finn-Dinghy auf dem Revier in Kingston (Ontariosee) fast der gesamten Konkurrenz weg. „Ich hatte nur Andrei Balashov aus der UdSSR als meinen ganz großen Gegner“, sagt Schümann. „Doch ich hielt ihn gut in Schach.“ Am 27. Juli wurde Schümann erstmals Olympiasieger!

Schwere jahre und neue perspektiven

Schwere jahre und neue perspektiven

Es folgten schwere Jahre: 1980 und 1984 gab es keine Medaillen für Schümann. Die beiden Olympia-Boykotte – erst vom Westen, dann vom Osten – hatten ihn erst Motivation gekostet, dann die Teilnahme als DDR-Segler für Los Angeles komplett verbaut. „Das waren harte Zeiten für mich“, sagt Schümann, der 1980 Fünfter wurde. „Es hat mich zur Verzweiflung und nahezu zum Aufhören getrieben. Wenn du dein ganzes Leben investierst, willst du natürlich bei Olympia segeln – und zwar gegen die Besten der Welt. Nicht nur so ein halbes Ding. Das bringt einfach keinen Sinn für den Aufwand, den man betreibt. Es war bei beiden Spielen eine tiefe Sinnkrise für mich und sorgte dafür, dass ich dort nicht so richtig gut war.“

Erfolg im team

Erfolg im team

Eigentlich hatte Schümann genug vom Segeln, doch dann ergab sich eine neue Perspektive. „Ich wollte 1984 Schluss machen“, sagt Schümann. „Doch die Trainer sagten: ,Versuche doch mal was anderes‘.“ Mit den beiden Berlinern Thomas Flach (69) und Bernd Jäkel (71) stieg er ins Soling-Boot um. „Wenn man vorher so lange Einzelsportler war, ist man natürlich auch viel allein mit sich“, sagt Schümann. „Das Team brachte eine andere Motivation und noch einmal viel mehr Spaß. Es war wohl die beste Zeit im Segeln, die ich hatte.“ Und war erfolgreich: 1988 holte das Trio in Südkorea gleich Olympia-Gold!

Die wiedervereinigung und neue herausforderungen

Die wiedervereinigung und neue herausforderungen

Dann folgte die deutsche Wiedervereinigung. „Die Wendezeit ab 1990 war schwierig“, sagt Schümann. „Alles wurde auf den Kopf gestellt, auch das alte Leistungssportsystem der DDR. Es war schwer, sich wiederzufinden.“ Vorher wurden Dinge wie Bootstransport und Finanzierung vom Staat organisiert. Wegen ihres Erfolgs fanden die drei Segler dann aber doch Arbeitgeber, die das Sportlerleben unterstützten und mittrugen, und so sie konnten sie weitermachen. „Viele andere aus der DDR schmissen das Handtuch“, erinnert sich Schümann. „Bei uns war es 1992 eine Trotzreaktion, weil viele gesagt hatten: ,Schümann und Co. kannst du vergessen, die bekommen das nie auf die Reihe.‘ Da wollten wir zeigen, dass wir auch im gesamtdeutschen Team die Besten sind.“ Ein Trainingspartner war der heutige spanische König Felipe (57), der damals im Soling aktiv war.

Erfolgreiche karriere und neue herausforderungen

Erfolgreiche karriere und neue herausforderungen

Mit Thomas Flach und Bernd Jäkel gewann Jochen Schümann (r.) 1996 Olympia-Gold in den USA. Parallel zum olympischen Segeln orientierte sich Schümann ab 1992 auch Richtung America’s Cup. Daimler-Benz wollte mit der deutschen Kampagne „AeroSail“ beim größten Segler-Wettbewerb der Welt an den Start gehen. Als Daimler aber 1995 nach dem Wechsel von Vorstandschef Edzard Reuter († 96) zu Jürgen Schrempp (81) ausstieg, sorgte das bei Schümann für viel Frust. Allerdings wurde sein Engagement im Ausland bemerkt. Das Schweizer Projekt „Fast 2000“ holte ihn. Problem: Es herrschte so viel Chaos, dass Schümann zur Frustbewältigung doch noch einmal Olympia 2000 in Sydney angriff. „Das waren böse Erfahrungen, aber auch eine große Lehrstunde für die späteren Cup-Kampagnen“, sagt Schümann.

Der america’s cup und die alinghi-kampagne

Mit den neuen Vorschotern Gunnar Bahr (51) und Ingo Borkowski (54) startete er im Soling. Eigentlich war seine Crew am besten, doch eigene Fehler kosteten im Duell mit Dänemark Gold. „Da habe ich bis heute noch manchmal schlaflose Momente“, sagt Schümann. „Dann kommt hoch, was wir anders hätten machen müssen. Wir hätten gewinnen müssen.“

Schluss mit olympia und neue herausforderungen

Jetzt war endgültig Schluss mit Olympia. Noch bei den Spielen von Sydney wurde er vom Neuseeländer Russell Coutts (63) in heimlichen Gesprächen bearbeitet: „Eigentlich hatte ich nach den ersten schlechten Cup-Erfahrungen die Nase voll gehabt und mir vorgenommen, das nie wieder zu machen. Aber Russell hat mich überzeugt.“ Mit dem Team Alinghi siegte Schümann 2003 und 2007 beim America's Cup. In einem Hotelzimmer in Genf wurde mit Teameigner Ernesto Bertarelli (60) das Alinghi-Projekt auf einem weißen Blatt Papier entworfen. Also zog Schümann in die Schweiz und ging mit dem neuen Team ein eigentlich unglaubliches Projekt an. Innerhalb von drei Jahren wollte man den übermächtigen Titelverteidiger Neuseeland sowie die versammelte Weltelite schlagen.

Der erfolg und die nachwirkungen

Am Ende war Alinghi mit Coutts am Steuer und Schümann als Strategen so gut, dass die Mannschaft die Neuseeländer in deren Heimrevier im Hauraki Gulf vor Auckland mit 5:0 im Finale dominierte. „Wir haben Unmögliches möglich gemacht“, sagt Schümann. „Wir waren die Lernenden und haben einfach schneller gelernt. Es war ein großartiges Team, das sogar noch viel weiteres Potenzial hatte.“ Den Titel verteidigte die Schweizer Crew 2007 dann mit 5:2 gegen Neuseeland, vor Valencia, weil es in der Schweiz kein passendes Gewässer gab.

Nach der karriere

Bis heute ist Schümann immer noch eng mit dem Segeln verbunden. Dem deutschen Nachwuchs half er für den Youth- und Women’s America’s Cup bei der Sponsorensuche, ist Mentor. „Da habe ich Klinken geputzt“, sagt Schümann. „Das wirtschaftliche Umfeld für eine große Cup-Kampagne ist schwierig. Da müssten wir einen positiv Verrückten finden, der das angeht.“ Jochen Schümann lebt heute in Penzberg nahe des Starnberger Sees.

Schlussfolgerung

Jochen Schümann, der dreifache Olympiasieger und erfolgreichste deutsche Segler, hat eine beeindruckende Karriere hinter sich. Von der Schul-AG bis zum America’s Cup – seine Leidenschaft für das Segeln und sein unermüdlicher Einsatz haben ihn zu einem der größten Segler der Welt gemacht. Seine Geschichten und Erfahrungen sind Inspiration für viele junge Segler und Sportler.