Alba berlin: hermannsson – vom jugendstern zum grauen vater
Berlin – Ein knapper Auswärtssieg in Ulm, ein erneutes Aufeinandertreffen mit der Vergangenheit und ein Routinier, der plötzlich der Älteste im Bunde ist: Martin Hermannsson und Alba Berlin stehen vor einer Schlüsselpartie in der BBL. Das Spitzenspiel am heutigen Abend (18:30 Uhr, live auf Dyn) verspricht Spannung pur.

Die play-in-demütigung von 2025 – ein trauma?
Die Erinnerungen an Ulm sind bei Alba Berlin alles andere als rosig. 2025 zitterten die Berliner als Siebter gerade so in die Play-ins, um dort chancenlos im Viertelfinale gegen das gleiche Team unterzugehen. Ein bitterer Rückschlag, der den Verein nachhaltig prägte. Sportdirektor Himar Ojeda (53) nutzte die Gelegenheit, um das Team grundlegend umzustrukturieren, wobei der erfahrene Martin Hermannsson einer der wenigen Konstanten blieb.
„Plötzlich bin ich der Alte…“, gesteht der isländische Spielmacher mit einem Schmunzeln. Seine Rolle hat sich gewandelt. „Wir sind in einer Position, die keiner von uns vor der Saison erwartet hätte“, so Hermannsson. „Früher haben wir durch unsere Offense gewonnen. Dieses Jahr mussten wir die Spiele mit guter Defense gewinnen. Das ist ein neues Alba.“
Ein Generationenwechsel: Der 31-Jährige, der seit fünf Saisons – unterbrochen durch eine dreieinhalbjährige Pause – das Trikot von Alba trägt, fühlt sich immer mehr wie der „Papa der Truppe“. „Manchmal tun die Leute so, als sei ich auf meinen letzten Metern. Wie jemand, der den letzten Tropfen Sprit aus dem Tank holt“, beschreibt er die Wahrnehmung. Doch Hermannsson lässt sich nicht beirren. „Es ist schon lustig, in dieser Rolle zu sein. Es ging so schnell.“
Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als er als 23-Jähriger die 31-Jährigen auf dem Feld bewunderte und sich fragte, wie sie es schafften, so ruhig und abgebrüht zu bleiben. „Und Boom! Plötzlich bin ich der Alte.“
Die bittere Niederlage im Pokalfinale gegen Bamberg, bei der er aufgrund einer Verletzung fehlte, schmerzt den Isländer noch immer. „Das war schon schwer für mich, tat sehr weh. Wenn ich dabei gewesen wäre, hätten wir das Spiel ins Ziel gebracht.“ Doch Hermannsson ist kein Mann, der an der Vergangenheit festhält. Er blickt nach vorne – auf die bevorstehenden Playoffs und die Chance, endlich eine Meisterschaft mit Alba zu feiern.
Seine Karriere ist gespickt mit zweiten Plätzen – die Meisterschaften 2019 und 2024, das Cup-Finale 2019 und 2026, das EuroCup-Finale 2019 gegen Valencia. „Damit muss ich leben“, sagt er pragmatisch. „Aber man muss es auch schätzen, es ins Finale geschafft zu haben. Es gibt so viele Profis, die nie einem Finale gestanden haben.“
Hermannsson hätte fast eine ganz andere Karriere hingelegt. „Ich habe bis zum 16. Lebensjahr viel Fußball gespielt, war in der Jugend-Nationalmannschaft. Ich bin mir sicher, dass ich es auch im Fußball zum Profi gebracht hätte.“ Doch der isländische Basketballverband und sein persönlicher Ehrgeiz führten ihn zum Korb.
Die Trennung von seiner Familie, die seit anderthalb Jahren in Island lebt, ist für ihn eine große Belastung. „Als Vater ist es schwer, nicht bei seinen Kindern zu sein“, gibt er zu. Doch der Plan ist, dass Anna Maria und die beiden Jungs in der kommenden Saison wieder nach Berlin ziehen.
Die Zukunft ist ungewiss: Sein Vertrag bei Alba läuft aus. Eine Verlängerung ist möglich, aber nicht garantiert. Als Top-Verdiener mit einem Vertrag aus Euroleague-Zeiten ist Hermannsson kein Schnäppchen. Dennoch würde er liebend gerne in Berlin bleiben. „Ich sehe mich immer in Berlin. Ich liebe Berlin wirklich sehr, die Stadt hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.“
Mit dem Abgang des jungen Spielmachers Jack Kayil, der in die NCAA zu den Gonzaga Bulldogs wechselt, gewinnt Hermannsson zusätzlich an Wert für die Berliner. Er kann auf dem aktuellen Niveau noch mindestens zwei, drei Jahre spielen – und vielleicht sogar länger. Am Ende zählt aber nur eines: Alba muss in Ulm gewinnen und den nächsten Schritt Richtung Meisterschaft gehen.
