90 Minuten krieg: bosnien erwartet italien in zenica – nur ein ticket für die wm 2026
Ein einziger Ballwechsel kann zwölf Jahre Durst löschen oder ein ganzes Land in Ekstase versetzen. Dienstagabend, 20.45 Uhr, Bilino-Polje-Stadion, Zenica: Bosnien-Herzegowina gegen Italien, Finale der Play-off-Route A, Platz 1 für die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada. Das Spiel ist klein – 13.000 Zuschauer passen rein –, die Stimmung wird atomar.
Entfesselt nach elfmeter-drama: bosnien fordert den großen favoriten
Die Drachen um Edin Džeko schossen sich gegen Wales in eine Herz-und-Nieren-Partie, die mit 8:7 im Penalty-Krimi endete. Torhüter Ibrahim Šehić wurde zur Legende, weil er zwei Schüsse entschärfte. Nun wartet der vierfache Weltmeister, der seit 2014 Urlaub vom WM-Endturnier nimmt. Die Squadra Azzurra nagelt Irland 2:0 an die Wand, doch das reicht nicht, um den Druck abzubauen. Gennaro Gattuso, der seit Roberto Mancinis Rücktritt das Zepter übernahm, weiß: Verliert er, wird er in Mailan als „Der Mann, der uns die WM kostete“ verbrannt.
Bosnien spielt nur seine zweite WM-Qualifikation überhaupt. Brasilien 2014 war der erste, einzige Auftritt. Seitdem wartet die Nation mit den goldenen Brücken von Mostar auf ein Wiedersehen mit der Weltelite. Das Stadion liegt in einem Talkessel, die Berge schlucken jeden Laut und schleudern ihn doppelt zurück. Für Italien wird es eine echte Hölle: Reisebelastung nach Mittelbosnien, künstliches Licht, enger Tunnel, dazu ein Rasen, der eher nach Acker als nach Premier League aussieht.

Gruppe b wartet: kanada, katar, schweiz – wer dort landet, darf träumen
Der Sieger rutscht ins WM-Topf B. Das bedeutet ein Eröffnungsspiel in Toronto gegen die kanadische Gastgeber-Mannschaft, später Doha-Sieger Katar und die Nati. Kein Todestableau, aber auch kein Zuckerschlecken. Für die FIFA ein Marketing-Traum, für Bosnien ein gigantisches Katalysator-Projekt: 250 Millionen TV-Zuschauer allein auf dem Balkan würden das erste Gruppenspiel verfolgen – das kleine Land mit drei Millionen Einwohnern wäre plötzlich in jedem Wohnzimmer präsent.
Italien hingegen könnte mit einem Sieg endlich die post-Covid-Trauma-Serie beenden: EM verpasst 2018, WM verpasst 2018, EM-Sieg 2021, WM verpasst 2022. Die Taktik ist klar: starkes Mittelfeld um Jorginho und Barella, schnelle Außen über Chiesa und Berardi, früher Ballgewinn, dann sofort vertikal. Doch Bosnien hat dieses Jahr schon 37 Tore in der Qualifikation geschossen – mehr als Frankreich oder Spanien. Džeko, 39, ist noch immer Torjäger, aber die neue Generation um Amir Hadžiahmetović sorgt für Tempo.
Die Schiedsrichter-Gabe: Clément Turpin aus Frankreich pfeift. Er kennt Balkan-Feuer aus dem Europa-League-Finale 2022 in Tirana. Wird er Zenica kontrollieren können? Fraglich, wenn 90 Minuten lang jedes Foul wie ein Völkermord gepfiffen wird. Die Fans singen bereits jetzt „Ne damo ih, nikad više“ – „Wir geben sie nie wieder her.“ Gemeint ist die WM-Chance.
Am Ende zählt ein Ergebnis. Für Italien wäre ein Remis so gut wie raus, Bosnien kann über Extra-Time jubeln. Die Buchmacher sehen den Azzurri leicht vorn (Quote 1,90), doch wer Bilino Polje kennt, weiß: Statistik verblasst, wenn 13.000 Stimmen den Ball in den Netz-Kracher schießen. Entscheidend wird sein, wer die ersten 15 Minuten übersteht, ohne zu zittern.
Der Gewinner trägt sich am 1. Juli in New York in Gruppe B ein. Der Verlierer schreibt das nächste Kapitel „Fast“ – und muss vier Jahre warten. In Zenica glaubt man an Schicksal. In Rom glaubt man an Tradition. Am Dienstagabend entscheidet sich, welche Geschichte stärker ist.
