100 Tage wm 2026: die frage-türchen springen nur so

In 100 Tagen soll der Ball rollen, doch keiner schaut mehr auf den Rasen. Die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada droht zum geopolitischen Adventskalender zu verkommen – täglich ein neues Türchen, dahinter keine Überraschung, sondern ein neues Staatsrisiko.

Wer darf noch einreisen, wer wird ausgeschlossen?

Donald Trumps Travel Bans treffen Elfenbeinküste, den Iran und halb Nordafrika. Elfenbeinküste spielt gegen Deutschland – in Toronto, also kanadischem Territorium. Klingt nach Plan, doch die Tickets gelten nur, wenn die Fans die USA vorher nicht betreten müssen. Ein Umweg über Kanada? Theoretisch möglich, praktisch verlangt schon der Online-Visa-Check die Herausgabe von Social-Media-Passwörtern. Ein Tweet mit „#TrumpRassist“ reicht, damit das ESTA-Zertifikat platzt. Die FIFA schweigt, der DFB duckt sich.

Mexiko liefert das nächste Horrorszenario. Im Bundesstaat Jalisco herrscht offener Krieg zwischen Kartellen und Armee. Dort soll im November ein Entscheidungsspiel stattfinden. Die FIFA erklärt das Stadion zum „sicheren Green Zone-Bereich“, doch die Fans müssen durch Checkpoints, die nicht von der Polizei, sondern von bewaffneten Privatfirmen kontrolliert werden. Ein Boykott Mexikos? Nicht vorgesehen, schließlich fließt das Sponsor-Geld.

Iran, gaza und der infantino-trump-pakt

Iran, gaza und der infantino-trump-pakt

Die ganz große Frage trägt kein Türchen-Nummernschild: Was passiert, wenn der Iran nach den US-Luftschlägen am Persischen Golf doch nicht kommt? Die FIFA-Statuten kennen nur ein Nachrückverfahren für Dopingfälle, nicht für Krieg. Gianni Infantino löst das Problem auf seine Weise: Er gründet mit Trump den „Friedensrat“, einen privaten Klub außerhalb der UN. Gezielte Spenden für den Wiederaufbau des Gazastreifens sollen die moralische Weiße Weste liefern. Völkerrecht? Nicht im Regelwerk des Weltverbandes.

Der DFB rudert seit Wochen zurück. Vizepräsident Oke Göttlich forderte im Januar den Boykott, Präsident Bernd Neuendorf blockierte mit dem Verweis auf „falschen Zeitpunkt“. Seither herrscht Funkstille aus Frankfurt. Geschäftsführer Andreas Rettig gestand nur ein, dass „die Vorfreude nicht richtig aufkommen“ wolle. Kein Wort zu den 50 000 deutschen Fans, die bereits Tickets gebucht haben und jetzt ihr Smartphone löschen, bevor sie den US-Zoll passieren.

Die sportliche Frage – wer wird Weltmeister? – rückt in die Bedeutungslosigkeit. Brasilien, Frankreich, Argentinien? Keine Wette akzeptiert Buchmacher mehr, weil niemand abschätzen kann, ob alle Teams überhaupt antreten dürfen. Die Quote auf „Turnierabbruch vor dem Viertelfinale“ steigt täglich.

In 100 Tagen jubelt also vielleicht niemand. Stattdessen zählen wir weiter: Türchen 99, 98, 97 … und fragen uns, welches Land als nächstes auf der Abschussliste landet – nicht auf dem Platz, sondern auf der geopolitischen Tribüne.