0:13-Debakel: deutscher eishockey-puck rollt ins bodenlose
Mailand – Die Zahlen sind kein Tippfehler. Dreizehn Gegentore, ein einziger Torschuss, zwölf Minuten Strafzeit. Die deutsche Sledge-Nationalmannschaft ist bei ihren ersten Paralympics seit 20 Jahren nicht einmal angekommen, sie wurde überrollt – diesmal von den USA, nach dem 0:12 gegen China.
Die Arena Santagiulia glich einer Schiessbude. Die US-Boys um Kapitän Josh Misiewicz ließen den Puck so schnell kreisen, dass deutsche Abwehrspieler nur noch Silhouetten waren. Schon nach 67 Sekunden klatschte die Scheibe zum 1:0 ins Netz, nach 20 Minuten stand 6:0. Die 1284 Zuschauer verstummten, selten war ein deutsches Team so chancenlos.

Der plan implodiert in echtzeit
Coach Christian Jaster hatte vor Turnierbeginn noch von „Spielerfahrung sammeln“ gesprochen. Gegen die USA wurde klar: Erfahrung reicht nicht, wenn die Gegner Tempo-Eishockey auf Kufen spielen und man selbst den Puck kaum ins Angriffsdrittel trägt. Die deutsche Zone war dauerhaft ein Hexagon aus Panik. Kurze Wechsel, keine Befreiung, dann wieder Penalty – das System frass sich selbst.
Die Statistik brennt: 13 Torschüsse Differenz (14:1), davon acht Powerplay-Treffer der USA. Fahnenträger Jörg Wedde stand nach dem Spiel mit leerem Blick an der Bande: „Wir haben versucht, stabil zu stehen, aber sie sind einfach schneller. Viel schneller.“
Knapp 15 Stunden später geht es schon weiter, 10:05 Uhr gegen Italien. Für die deutsche Auswahl geht es nicht mehr um das Halbfinale, sondern ums reine Gruppenfinale – Platz drei bedeutet noch die Chance auf Rang fünf im Turnier, das wäre immerhin das beste Resultat seit Turin 2006. Aber die Frage drängt sich auf: Wie soll eine Mannschaft, die innerhalb von 24 Stunden 0:25 kassiert hat, plötzlich wieder Selbstvertrauen finden?
Die Antwort liegt im Tor. Keeper Simon Bär wurde gegen die USA 49 Mal beschossen, hielt 36 Schüsse – eine Leistung, die im Eisenschauer unterging. „Wenn wir nicht ins Mitteldrittel kommen, wird auch der beste Torwart wach“, sagte Bär und wischte sich die Kälte aus dem Gesicht. Die Wahrheit klingt hart: Ohne Ballbesitz gibt es kein Spiel, nur eine Folter.
Die US-Boys feierten schon ihr viertes Gold in Folge, während die deutsche Truppe in der Nacht zum Videostudium schaltet. Coach Jaster stoppte jeden Gegentreffer einzeln, 13 Mal hintereinander. Die Lösung ist nicht taktisch, sie ist physisch: Beine stärker, Stöcke schneller, Köpfe freier. Die Uhr tickt – um 10:05 Uhr rollt der Puck erneut, und diesmal muss Deutschlands Sledge-Cracks eine Antwort finden, bevor die italienischen Tore ebenfalls zu Toren-Fontänen werden.
