Zwillinge kremers feiern 77: wie zwei schalker popstars wurden
Helmut und Erwin Kremers hätten am Dienstag nur Kuchen bestellen müssen – stattdessen erinnern sich ganz Deutschland an ihre goldene Mahne, einen Bravo-Otto und ein Lied, das Elvis Presley aus den Charts warf. Die 77-Jahre-Feier der Schalker Ikonen ist ein Blick in die Zeit, als Bundesliga noch Glamour erlaubte.
Ein song, drei minuten, platz eins
Die Karriere begann auf dem Rasen, richtig berühmt wurden sie aber auf dem Parkett von Frank Elstners „Montagsmaler“. Vicky Leandros’ Vater überredete die Blondschöpfe, „Das Mädchen meiner Träume“ einzusingen – ein Schnulzenkracher, der 1973 in den deutschen Hitlisten sogar „Jailhouse Rock“ und Udo Jürgens alt aussehen ließ. Erwin Kremers lachte später: „Wir konnten nicht mal halbwegs sauber singen. Trotzdem kriegten wir den Bravo-Otto vor Leute, die ihr Leben der Musik gewidmet hatten.“ Die Teenies träumten nicht von Toren, sondern von Autogrammen auf Pausenbrotpapier.
Die Plattenfirma wollte nachlegen, die Brüeder lehnten ab. Helmut: „Wir hatten kapiert, dass unser Kapital der Ball ist, nicht die Stimmbänder.“ Also kehrten sie zurück aufs Feld – und trafen dort genau die Leute, die aus Schalke 04 eine Mythos-Maschine machten.

Vizemeister, pokalsieger, europameister, weltmeister
1972 holten die Zwillinge mit Klaus Fischer, Stan Libuda und Rolf Rüssmann das Double. Erwin wurde kurz darauf Europameister, Helmut 1974 Weltmeister – allerdings als „WM-Tourist“, wie er sich selbst nannte, weil er im Trainingslager von Malente kurz dem Verlockungen entflohen war. Erwin fehlte in jenem Kader, weil er im letzten Bundesligaspiel Schiedsrichter Max Klauser mehrfach beleidigte und Rot sah. „Ich dachte, der Mann ist schwerhörig, deshalb musste ich es wiederholen – lauter“, sagt er trocken. Auf der Heimfahrt klingelte das Telefon: WM-Aus.
Der Skandal um Manipulationen erschütterte Schalke, zehn Profis flogen raus. Die Kremers-Zwillinge führten eine Not-Truppe mit Amateuren und verhinderten den Abstieg. „Unsere größte sportliche Leistung“, sagt Helmut, „weil wir dabei nicht einmal singen durften.“

Reifen ab, hämmer und präsidenten
Spaß blieb Pflicht. Trainer Max Merkel fand seinen Mercedes einmal auf Klotz stehend – die Räder waren verschwunden. Verdächtige: die Kremers. „Wir haben ihn stehen lassen, aber die Räder abzuschrauben, dazu waren wir technisch zu doof“, beteuert Erwin. Klaus Fischer wiederum wachte schweißgebadet auf, weil ihm nachts ein riesiger Schaumstoffhammer über den Kopf zischte – Ausführende: Helmut und Rüdiger Abramczik. Fischer dachte zunächst an einen Albtraum, bis er die Hämmer-Fotos fand.
Nach der Karriere rutschte Helmut ins Manageramt, wurde 1994 sogar letzter direkt gewählter Schalker Präsident. Sein Satz „Früher mussten wir uns gegen Dortmund gar nicht umziehen“ ging als legendärer Seitenhieb in die Klub-Annalen – und ließ ihn nach drei Monaten mit vielen Feinden zurück. Die Satzung wurde geändert, die Direktwahl abgeschafft. Schalke spart seitdem Nerven, verlor aber auch die Farbe, die die Kremers-Zwillinge einst lieferten.
Heute wohnen sie immer noch im selben Haus in Mönchengladbach, gehen ins Stadion, unterschreiben Autogrammkarten, die mittlerweile Vintage-Preise erzielen. Wer fragt, ob sie bereuen, nicht mehr gesungen zu haben, bekommt zur Antwort: „Wir haben 1973 bewiesen, dass man mit null Talent die Charts erobern kann. Danach musste man sich fragen: Wozu noch singen, wenn man Fußball bereits perfekt beherrscht?“ Die Antwort steht seit 50 Jahren fest – und klingt nach Sieg.
