Zenica wird zum kessel: italiens wm-traum hängt an einem rasenheizungs-knopf
Klaus Schäfer in Zenica – Es schneit nicht mehr, aber die weiße Bedrohung liegt noch wie eine Betondecke über dem Bilino-Polje-Stadion. 9.000 Zuschauer, darunter 800 Italiener, werden morgen um 20.45 Uhr einen Rasen betreten, der zum ersten Mal in der Geschichte des Stadions beheizt wurde – damit er überhaupt spielbar ist. Die Tatsache, dass die UEFA die Azzurri gestern vom Training in Zenica abhielt, macht die Lage nur noch brisanter: Gattusos Mannschaft landet im Blindflug im bosnischen „Höllenkessel“, während die Hausherren seit Tagen mit Kettenglied-Autos und Schneekanonen ihr Fort belagern.
Warum 500 euro für einen balkon plötzlich normalität sind
Die Facebook-Gruppe „Izdajem balkon za Italiju“ ist inzwischen ein Running Gag mit ernster Kernaussage: Wer kein Ticket ergattert hat, will trotzmindestens das Stadion atmen. Endin Causevic, SportSport-Reporter aus Sarajevo, lacht nicht: „Die Leute zahlen, weil sie spüren wollen, wie das Stadion vibriert – 12.000 Sitzplätze, aber es klingt wie 50.000.“ Die Stadtverwaltung hat alle Parkflächen freigegeben, sogar Privatgrundstücke. Der Grund: Die letzte Großveranstaltung dieser Art liegt zwölf Jahre zurück, als Zenica zwischen 1995 und 2006 ein Jahrzehnt lang unbesiegt blieb.
Die Zahlen sind hart: Seit der 0:3-Heimpleite gegen Portugal im Februar hat Bosnien-Herzegowina viermal in Folge nicht verloren. Sergej Barbarez, ehemaliger Bundesliga-Torjäger und seit 2024 erstmals Nationaltrainer, mischt Jung und Alt: Tarik Muharemovic (20, Sassuolo) neben Edin Dzeko (38, 140 Länderspiele). Dzeko ist die lebende Flagge des Landes, und alle wissen: Diese Partie könnte seine letzte sein. „Was er für Bosnien getan hat, wiederholt sich nie“, sagt Causevic. „Wir wollen ihm das WM-Ende gönnen, das er verdient.“

Italiens angst vor dem dritten blackout
Die Azzurri haben die Play-offs bereits zweimal hintereinander verpasst – 2018 und 2022. Ein drittes Mal wäre historisch und sportlich ein Trümmerfeld. Gattuso verzichtet auf Trainingsgarantien: „Wir wissen nicht, wie der Ball läuft, wir wissen nicht, wie die Seele der Tribüne klingt.“ Die FIFA hat Zenica als Austragungsort bestätigt, weil Sarajevo die Infrastruktur nicht sicherstellte. 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt wartet ein Stadion, das aussieht wie ein Serie-B-Ground, aber brüllt wie San Siro.
Die Heizung lief die ganze Nacht – 22 Grad Rasentemperatur, gemessen um 3 Uhr morgens. Der Platz ist weich, aber spielbar. Die Frage ist nicht mehr, ob Italien die Kälge spürt, sondern ob es die Bosnier erträgt, wenn Dzeko in der 89. Minute zum 2:1 einköpft. Die Wetterlage ist kein Nebenschauplatz mehr, sie ist der zwölfte Mann. Und er trägt ein bosnisches Trikot.
Morgen um 22.30 Uhr wird klar sein, ob der Rasenheizungs-Knopf Geschichte schreibt – oder ob Italien erneut im Schnee stehen bleibt.
