Yekta jamali stemmt gegen krieg und trauer: gold für deutschland, freiheit für iran

Die Scheibe quietscht. 133 Kilo Metall klappern auf das Podest. Für einen Moment verstummt alles, sogar das Herzklopfen im iranischen Wohnzimmer, wo Mama per Satellit zuguckt. Yekta Jamali lächelt trotzdem – 21 Jahre alt, doppelt Staatsbürgerin, ein Leben zwischen Gröb enzell und Tränen. In 34 Tagen stemmt sie in Georgien für Deutschland – und gegen die Angst, dass die nächste Rakete ihre Familie trifft.

Ein koffer voller hoffnung, ein handy voller sorge

2022, Junioren-WM Athen, 17 Jahre alt. Statt Medaille packt sie heimlich Papiere, ein Foto von Papas Arbeitszimmer, die kleine Glückskette von ihrer Schwester. Die Nacht vor dem Fluchtplan schläft sie nicht. „Wenn die Revolutionsgarden anrufen, bleibt nur Abschied per WhatsApp“, sagt sie heute, während sie die Hantel neu beladt. Drei Tage später sitzt sie in einem Lkw Richtung Deutschland – erste Station: ein Flüchtlingsheim in Kaiserslautern, erste deutsche Worte: „Wo ist die Turnhalle?“

Heute wohnt sie in Mutterstadt, trainiert im AC-Club, wo die Kisten mit Kreisliga-Trikots neben ihren 140-Kilo-Bumper-Plates stehen. Ihre Coach Michael Vater erinnert sich: „Sie kam mit Schulenglisch und 90-Kilo-Reißen. Jetzt schafft sie 108 – und erzählt zwischen den Sätzen von ihrer Cousine in Isfahan, die seit Wochen kein Internet hat.“

Die angst klingt wie stahl auf stahl

Die angst klingt wie stahl auf stahl

Jedes Mal, wenn das Handy vibriert, zuckt ihre Schulter. Die Mutter konnte sie vor zwei Wochen erreichen: Strom nur drei Stunden am Tag, der Bruder versteckt sich vor den Drohnen. „Ich bin stolz, dass du für Deutschland startest“, sagte Mama. Dann brach die Verbindung ab. Seitdem trägt Jamali ein schwarzes Armband – nicht als Mode, sondern als Stumme Minute für jeden Satz, den sie nicht sagen kann.

Die Europameisterschaft in Batumi ist kein normales Turnier. Für den Deutschen Gewichtheber-Verband ist sie Rettung nach dem Paris-Debakel: Kein einziger Athlet qualifizierte sich 2024. Nun soll Jamali die Trendwende werden. Bundestrainer Almir Velagic rechnet: „Bei 110/135 kg wäre Podest drin. 2028 in L. A. kann sie 27 sein – perfektes Alter für Olympia-Gold.“

Stoßen gegen das schicksal

Stoßen gegen das schicksal

Im Training fragt sie zwischendurch: „Kann man Trauer als Gewicht nutzen?“ Antwort: unklar. Fakt ist: Ihre Stoß-Technik wurde sauberer, seit sie nachts heimlich Videos von Protesten teilt. „Wenn ich die Stange über den Kopf bringe, denke ich an die Frauen, die in Teheran ihr Kopftuch abnehmen. Das gibt fünf Kilo Extra“, sagt sie halb scherzend, halb wütend.

Die Verbandsspitze drückt die Daumen, aber auch die Zeit. Die Quali-Phase für 2028 beginnt 2027 – wer da nicht vorne liegt, fliegt raus. Jamali muss also jetzt liefern, während ihre Familie im Bunker sitzt. „Sport ist mein Ventil“, sagt sie. „Wenn ich auf der Matte stehe, herrscht wenigstens dort Gesetz der Schwerkraft – nicht das Gesetz der Mullahs.“

Am 19. April in Georgien wird sie die Nationalhymne mitsingen – erstmals mit deutschem Pass. Ob sie dabei an die 400 Telegram-Nachrichten denkt, die sie nicht beantworten kann? „Ich werde die Armbinde tragen, die Nummer 77 auf dem Rücken und den Gedanken: Stemmen, bis die Familie frei ist.“

Die Europameisterschaft wird kein Spaziergang. Die Türkin Duygu Aluç wirft bereits 240 kg, Jamalis Bestmarke liegt bei 241. Eine Scheibe Unterschied – so klein wie die Hoffnung, dass die nächste Nachricht aus dem Iran lautet: „Wir leben. Komm bald.“

Gold für Deutschland, Freiheit für Iran – mehr Gewicht lässt sich kaum stemmen.