Wolfsburg am abgrund: kann hecking das ruder noch herumreißen?
Der VfL Wolfsburg steht vor dem wohl größten sportlichen Desaster seiner Vereinsgeschichte. Nach einer erschreckenden Saison, in der die Mannschaft seit zehn Spielen sieglos ist, droht der Abstieg in die 2. Bundesliga – eine Vorstellung, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar schien, als der Verein noch regelmäßig in der Champions League vertreten war und den Pokal gewann.
Die schatten der vergangenheit: ein vergleich zu 2015
Die Erinnerungen an das Champions-League-Viertelfinale gegen den RealMadrid vor einem Jahrzehnt scheinen in weiter Ferne zu liegen. Damals, unter Dieter Hecking, der nun in Personalunion zurückkehrt, hatte der VfL dem spanischen Rekordmeister ein heißes Einspielen bereitet, bevor Cristiano Ronaldo mit einem „Hat-Trick“ die Partie zugunsten der Madrilenen drehte. Heute verbleibt von diesem Team kaum noch etwas. Die finanzielle Not der Volkswagen AG, die zur Entlassung von 50.000 Mitarbeitern in den nächsten fünf Jahren führen soll, spiegelt sich in der sportlichen Trostlosigkeit wider.
Die aktuelle Tabellenlage ist alarmierend: Wolfsburg rangiert auf dem vorletzten Platz, nur durch den punktgleichen Heidenheim vom direkten Abstieg getrennt. Mit lediglich 21 Punkten nach 27 Spielen wird die Saison zur Zitterpartie. Ein neuer Tiefstand wurde erreicht, da der VfL noch nie zuvor in dieser Phase der Saison so wenige Zähler auf dem Konto hatte.
Paul Simonis, der im Sommer das Traineramt übernahm, konnte das Ruder nicht herumreißen. Nach nur 12 Spielen und einer Bilanz von drei Siegen, zwei Unentschieden und sieben Niederlagen wurde er entlassen. Daniel Bauer übernahm interimsweise die Verantwortung, bevor nun Dieter Hecking, der bereits 2015/16 den VfL betreute, zurückkehrt.

Hecking: „ich kenne den wert und die energie dieses clubs“
„Für mich ist die Rückkehr nach Wolfsburg vieles. Hier habe ich eine intensive und erfolgreiche Zeit erlebt“, erklärte Hecking bei seiner Vorstellung. Er betonte, dass es nun darum gehe, „den Fokus zu finden und die Kräfte zu bündeln, um den Klassenerhalt zu sichern.“ Die Aufgabe ist jedoch enorm, denn die Defensive des VfL ist katastrophal. Mit 35 Gegentreffern ist Wolfsburg das zweitschlechtestes Team der Liga, insbesondere in der zweiten Halbzeit, in der regelmäßig Gegentreffer kassiert werden. Grabara, der zweite Bundesliga-Torwart mit den meisten Paraden pro Spiel (3,6), wird permanent gefordert, da die Abwehr den meisten Schüssen (14) und dem zweithöchsten xG-Wert (1,63) der Liga ausgesetzt ist.
Die Mannschaft hat zudem eine beunruhigende Schwäche: Es gelang ihr in dieser Saison nicht, einen einzigen Rückstand noch in einen Sieg umzuwandeln. Nach einem frühen Führungstreffer gegen Hoffenheim gab es letztlich lediglich ein Unentschieden, gefolgt von einer knappen Niederlage gegen Bremen. Die fehlende Reaktionsfähigkeit ist ein weiteres Problem.
„Natürlich gibt es noch Vertrauen“, räumte Hecking ein, „aber wir wissen, dass die Spiele knapp werden und die Konkurrenz punktet. Der Druck ist spürbar.“ Die Wahrscheinlichkeit eines Abstiegs, so Optas Vorhersagemodell, liegt bei beeindruckenden 73,19 Prozent. Das letzte Spiel gegen St. Pauli könnte der entscheidende Moment sein – ein Duell, das das Schicksal des VfL Wolfsburg besiegeln könnte. Die Geschichte kennt bereits höhere Vereine, die in Deutschland den Gang in die Zweite Liga antreten mussten, wie Schalke 04 oder der HSV. Ob der VfL ebenfalls zu diesen gehören wird, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
