Wm 2026: nagelsmanns deutschland – titelanwärter oder glücklicher gruppenzweiter?

Die Fußballwelt blickt gespannt auf die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA. Kann Deutschland nach den enttäuschenden Auftritten der letzten Turniere wieder eine tragende Rolle spielen? Sportmanager Dr. Tobias Haupt, ehemaliger Leiter der DFB-Akademie, gibt in einem Gespräch mit SPORT1 Einblicke in die Chancen und Herausforderungen des Nationalteams.

Die falle der favoritenlisten

Vor jeder WM erscheinen unzählige Favoritenlisten, basierend auf Marktwerte und Formkurven. Doch Dr. Haupt warnt: „Turnierfußball lässt sich nicht mit Ligafußball vergleichen. In einer Liga setzt sich Qualität über Monate hinweg durch. Bei einer WM verdichtet sich alles. Ein falscher Moment, eine Sperre, eine Verletzung – und ein ganzes Turnier kann kippen.“ Entscheidend sind Stabilität, eine gemeinsame Vision und klare Rollenverteilung – Faktoren, die in klassischen Statistiken oft untergehen.

Marktwerte spielen eine Rolle, so Haupt, denn sie verdichten Qualität, Potenzial und Wahrnehmung. Aber eine WM zeigt eine andere Ebene: funktioniert individuelle Klasse auch in einem neuen Kontext? Im Verein sind Spieler perfekt eingebettet, in der Nationalmannschaft ist die Zeit zum Anpassen kürzer. Die Frage ist: Wird aus individuellem Wert kollektive Wirkung?

Die unsichtbaren helden

Die unsichtbaren helden

Nicht nur die Superstars entscheiden über Sieg oder Niederlage. „Turniere werden oft von Spielern geprägt, die Strukturen sichern und Mannschaften stabilisieren“, erklärt Haupt. Er spricht von Spielern, die Räume öffnen, Gegner binden und Pressingmomente erkennen. Spieler, die andere besser machen – ohne dass es sofort in der Statistik sichtbar wird. Argentinien 2022 war ein Paradebeispiel: Messi war der Fixpunkt, aber Martínez, Romero und De Paul waren ebenso entscheidend.

Nagelsmanns balanceakt

Nagelsmanns balanceakt

Für Deutschland wird entscheidend sein, wie gut Julian Nagelsmann die Momente hinter der eigenen Offensive kontrolliert. „Wir werden viele Phasen haben, in denen die Mannschaft den Ball hat und versucht, über Passspiel Chancen zu erzeugen“, so Haupt. Die spannende Frage ist: Was passiert nach Ballverlust oder Ballgewinn? Gerade gegen Gegner mit Tempo und Athletik kann das entscheidend werden. Denn oft entstehen gefährliche Momente nicht durch schlechtes Verteidigen, sondern durch schlecht abgesichertes Angreifen.

Mehr als nur individuelle klasse

„Bei Deutschland wird aus meiner Sicht nicht nur entscheidend sein, wer die Tore schießt“, betont Haupt. Entscheidend ist, ob sich schnell ein Team mit einer gemeinsamen Vision formt und eine zentrale Achse gebildet wird. Spieler, die keinem Zweikampf aus dem Weg gehen und dadurch für Balance sorgen, sind ebenso wichtig wie Außenverteidiger, die nach Ballverlust sofort die richtige Position finden und Innenverteidiger, die erkennen, wann sie verteidigen, schieben oder absichern müssen.

Die WM 2026 mit ihren 48 Teams wird komplexer. Kaderbreite ist wichtiger denn je, nicht nur im Sinne von bekannten Namen auf der Bank, sondern im Sinne von Spielern, die das System nicht kippen lassen, wenn Schlüsselspieler ausfallen.

Dr. Tobias Haupt schließt mit einem Blick auf die Zukunft: „Nicht jede Mannschaft mit großem Namen ist automatisch turnierrobust. Und nicht jede Mannschaft ohne maximale Strahlkraft ist chancenlos. Am Ende gewinnt vielleicht nicht die Mannschaft, über die heute am lautesten gesprochen wird. Sondern die Mannschaft, die die über 150 Millionen Datenpunkte pro Spiel am besten entschlüsselt und dadurch die besten Entscheidungen auf dem Spielfeld trifft.“