Wm 1930: warum österreich absagte – eine geschichte von geld, stolz und verpassten chancen
Es ist eine Geschichte, die in den Annalen des österreichischen Fußballs einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat: Die WM 1930 in Uruguay. Während andere europäische Nationen sich auf das erste Fußball-Weltturnier vorbereiteten, blieb Österreich – damals eine Fußballmacht – fern. Aber warum? Die Gründe sind komplexer, als man denkt, und spiegeln eine Zeit des wirtschaftlichen Umbruchs und nationaler Identitätsfindung wider.
Die olympische idee und die geburt der wm
Die Idee einer eigenständigen Fußball-Weltmeisterschaft schwirrte bereits seit einiger Zeit im Kopf der FIFA-Funktionäre herum. Die Begeisterung, die Uruguay bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris entfacht hatte – und ja, angeblich auch bei einigen Französinnen, die sich für den charismatischen José Andrade begeisterten – überzeugte die damaligen FIFA-Männer, darunter der Österreicher Hugo Meisl, dass ein solches Turnier durchaus Sinn ergeben könnte. Doch die zunehmende Professionalisierung des Fußballs stand im Widerspruch zu den olympischen Idealen. Henri Delauney, ein französischer FIFA-Delegierter und späterer Erfinder des EM-Pokals, erkannte bereits 1926: “Der Fußball kann nicht länger mit den olympischen Einschränkungen leben.”
Der Fußball-Wettbewerb der Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam, der bereits zwei Monate vor Beginn der eigentlichen Spiele ausgetragen wurde, diente als Vorlage für die erste WM. Der Vorschlag, der von FIFA-Präsident Jules Rimet und seinem uruguayischen Vize, Enrique Buero – Rinderzüchter, Fußballmäzen und Gesandter in Brüssel – kam, wurde vom FIFA-Kongress mit überwältigender Mehrheit (25:5 Stimmen) angenommen. Die britischen “Home Nations” stimmten dagegen und erklärten daraufhin ihren Austritt, was dazu führte, dass England erst 1950 seine erste WM bestritt.

Uruguay feiert – europa zögert
Uruguay wurde als Austragungsort ausgewählt, passend zur Feier des 100-jährigen Unabhängigkeitsjubiläums des Landes, das zudem als doppelter Olympiasieger aus Amsterdam zurückkehrte. Doch für die europäischen Verbände stellte die Reise nach Montevideo eine logistische und vor allem finanzielle Herausforderung dar, die durch die “Große Depression” noch verstärkt wurde.
In Österreich, das kurz vor der “Wunderteam”-Ära stand und 1929 laut historischem ELO-Rating hinter Argentinien, Schottland, Uruguay und England die Nummer 5 der Fußballwelt war, entbrannte im Jänner 1930 eine hitzige Debatte über die WM-Teilnahme. Der renommierte Sportjournalist Max Reich plädierte in der “Tageszeitung Die Stunde” angesichts der wirtschaftlichen Probleme für ein “verstärktes Vereinsteam”, da die Wiener Klubs in den Sommermonaten ohnehin auf die Einnahmen aus Tourneen angewiesen waren.

“Ich möchte das sportliche gewissen der österreichischen fußballgemeinde aufrütteln”
Die Vienna, damals Cupsieger und Meisterschafts-Dritter, griff diese Idee auf. Obwohl die Pläne, sich mit Admiranern zu verstärken, schnell verworfen werden mussten, schwor Präsident Alexander Neumann (“Heilala”) bei der Generalversammlung im Kasino Zögernitz auf das WM-Abenteuer ein: “Ich möchte das sportliche Gewissen der österreichischen Fußballgemeinde aufrütteln. Fußball ist eine der wenigen Aktiva, die Österreich besitzt. Unsere Mannschaften sind in allen europäischen Ländern gesucht und gefeiert. Jetzt ist endlich eine Gelegenheit, unser Können und unseren Ruhm über das große Wasser zu bringen. Was weiß die Welt vom neuen Österreich, außer dass dieses Österreich ein ewiger Patient ist, ein Bittsteller um Anleihen? Ein Sieg, aber auch ein günstiges Abschneiden, würde dem Namen Österreichs in der ganzen Welt mehr Nutzen bringen als alle Anstrengungen unserer ausländischen Vertretung vermochten.”

Ein “nur über meine leiche” und ein verpasstes feuerwerk
Trotz des Optimismus Neumanns und der Zusicherung des uruguayischen Botschafters, dass finanzielle Risiken ausgeschlossen seien, blockierte WFV-Präsident Dr. Josef Gerö die Pläne vehement. Sogar als die Regierung Schober sich dem WM-Plan zuwenden wollte, soll Gerö ihn mit den Worten “Nur über meine Leiche” abgewürgt haben. Am 7. Februar waren Österreichs WM-Ambitionen endgültig gestorben. Der ÖFB begründete das Nein mit der Unmöglichkeit, Spieler freizubekommen, der mangelnden Stärke der Nationalmannschaft und der wirtschaftlichen Lage der Klubs.
Die Zögerlichkeit war in ganz Europa ähnlich. Der spanische Verband rechnete mit 250.000 Peseten Reisekosten. Nur Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Rumänien wagten den beschwerlichen Trip nach Südamerika. Sie sollten als einzige europäische Mannschaft die Gruppenspiele überstehen, mussten sich aber im Semifinale dem Gastgeber mit 1:6 geschlagen geben.
Österreich verpasste damit eine Chance, Fußballgeschichte zu schreiben. Stattdessen blieb ein Kapitel, das von verpassten Gelegenheiten und der Frage nach dem “Was wäre wenn?” geprägt ist. Die WM 1930 in Uruguay – ein Kapitel, das die österreichische Fußballgemeinde bis heute beschäftigt.
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