Wirtz zaubert, nagelsmann zittert: deutschlands 4:3-sieg gegen die schweiz ist ein warnschuss
Basel – 79 Tage vor WM-Start schickt Julian Nagelsmann seine Mannschaft aufs Feld, als gäbe es kein Morgen. Das Ergebnis: ein Fußball-Feuerwerk mit deutscher Handschrift, das fast in die eigene Kurve geflogen wäre. Florian Wirtz trifft doppelt, bereitet zwei weitere Tore vor – und ist trotzdem nicht das einzere Thema des Abends.
System nagelsmann: offensiv-feuerwerk mit brandgefahr
Die deutsche Elf spielt wie ein Boxer, der nur nach vorne schwingt. Hinten bleibt das Kinn offen. Die Innenverteidiger Tah und Schlotterbeck rücken bis zur Mittellinie auf, die Außenverteidiger werden zu zusätzlichen Flügelspielern. Die Schweiz nutzt die entstehenden Räume gnadenlos aus. Vor allem Nico Schlotterbeck liefert die Vorlage für die ersten beiden Gegentore – mit Fehlpässen, die in einem EM-Viertelfinale das Aus bedeuten würden.
Die Statistik dazu: 56 Prozent Ballbesitz, aber 13 Ballverluste im eigenen Aufbaudrittel – das ist kein Ausrutscher, sondern ein Muster. „Wir wollen dominieren, aber nicht dominiert werden“, sagt Nagelsmann nach dem Spiel. Die Botschaft: Es war ein Test, doch die Lücken sind offensichtlich.

Wirtz ist kein talent mehr – er ist der plan
61. Minute, halblinke Position, spitzer Winkel. Florian Wirtz zieht ab. Der Ball schlägt genau ins Kreuzeck. Kein Zufall, sagt er später, „ich wollte ihn da hin“ – und das klingt nicht nach Arroganz, sondern nach Standar. Die zweite Führung fällt aus ähnlicher Position, nur diesmal mit der Innenseite. Vier Scorer-Punkte in einem Testspiel – das haben zuletzt nur Miroslav Klose und Thomas Müller geschafft.
Die Frage ist nicht mehr, ob Wirtz startet, sondern wie Nagelsmann ihn schützt. Gegen die Schweiz läuft er 11,3 Kilometer, aber nur 42 Ballkontakte – ein Luxusspieler, der sich seine Momente selbst erarbeitet. „Er braucht keine 70 Ballaktionen, er braucht drei, um ein Spiel zu entscheiden“, sagt Lothar Matthäus. Der Vergleich mit einem jungen Mesut Özil liegt nah, nur mit Abschluss.

Die wm-uhr tickt – und die rückkehr der rüdiger-frage
Nagelsmann hat 79 Tage Zeit, um die Balance zu finden. Die gute Nachricht: Antonio Rüdiger trainiert wieder, Jonathan Tahzeigt gegen die Schweiz, dass er neben dem Weltmeister spielen kann. Die schlechte: Wer neben Tah spielt, muss sicherer im Aufbau sein als Schlotterbeck. Die Alternative: Malick Thiaw oder Waldemar Anton – beide noch ohne WM-Erfahrung.
Deutschland ist Favorit, aber nicht Top-Favorit. Das sagt Matthäus, das sagt auch die FIFA-Weltliste. Der 4:3-Sieg in Basel ist ein Spiegelbild: Mit Wirtz kann alles passieren – auch das Gegenteil. Die Schweiz war ein Test, aber kein Warnschuss mehr. Es war ein Weckruf. Und der kommt genau 79 Tage vor dem Eröffnungsspiel in New York.
