Wirtz zaubert, die abwehr stolpert: deutschlands 4:3 verrät die wm-achillesferse
Florian Wirtz trifft doppelt, leitet die anderen beiden Tore ein – und wird trotzdem zum Nebendarsteller in seiner eigenen Gala. Denn die deutsche Defensive liefert gegen die Schweiz ein Lehrstück darüber ab, wie man eine 80-minütige Vorstellung in fünf Minuten verspielt. Das 4:3 in Basel ist ein Sieg mit Beigeschmack.
Die ersten 17 Minuten liefen wie ein Nagelsmann-Lehrvideo: hohe Linie, schnelles Umschaltspiel, präzise Kombinationen. Dann passierte exakt das, was Bundestrainer Julian Nagelsmann seit Wochen verhindern will: Nico Schlotterbeck spielte einen Pass direkt in Laufrichtung von Dan Ndoye, Angelo Stiller kam zu spät, Oliver Baumann sah den Ball erst, als er bereits im Netz zappelte. Die Schweiz führte, das DFB-Team schaute verlegen.
Die achillesferse steht in der mitte
Es war nicht das erste Mal, dass die Innenverteidigung wackelte. Bereits beim 2:1 durch Breel Embolo verlor Jonathan Tah den Orientierungssinn und seinen Gegenspieler gleichzeitig. Die Statistik ist vernichtend: Drei Gegentore, drei individuelle Fehler im Zentrum. Tah und Schlotterbeck, das Duo, das Nagelsmann eigentlich als Lösung für die WM präsentieren wollte, liefert sich ein Festival der Fehlabstimmung.
Doch dann war da noch Wirtz. Der 22-Jährige, den Experten schon vor Monaten als „frühen Favoriten für den Goldenen Ball“ titulierten, spielte wie auf Zeitraffer. Sein erstes Tor: ein Schlenzer aus 18 Metern, der erst langsam zu fliegen schien, um sich dann brutal in den rechten Winkel zu biegen. Sein zweiter Treffer fünf Minuten vor Schluss: ein Lupfer, der so lässig wirkte, als habe er das Spielgerät auf Zuruf geortet. Dazwischen zwei Vorlagen, die jedes Mal die Schweizer Viererkette entblößten wie ein falscch gesetztes Zelt.

Die gute nachricht: der kader ist tief
Die Negativserie der Defensive überschattet, dass Nagelsmann mit Lennart Karl und Nick Woltemade zwei Joker fand, die das Tempo noch einmal erhöhten. Karl, eingewechselt für den enttäuschenden Leroy Sané, erzielte in 20 Minuten mehr Ballgewinne als sein Vorgänger in 70. Woltemade setzte nach seiner Einwechslung sofort die nächste Großchance auf. Die Botschaft: Hinten mag es brennen, vorne haben wir Feuer.
Die Schweiz selbst trat nach der Pause wie ein Team an, das die Halbzeitansprache verpennt hatte. Erst in der 79. Minute fand Joel Monteiro mit dem ersten Abschluss nach dem Seitenwechsel den Weg ins deutsche Tor – und das war kein Zufall, sondern die logische Folge einer Defensive, die sich in der Schlussphase wieder einmal aushebelte. Die Frage, die sich Nagelsmann stellen muss, lautet nicht mehr, ob seine Mannschaft Tore schießen kann. Sie lautet: Wer stoppt den Gegner, wenn es brenzlig wird?
Am Ende zählt der Sieg, doch die Zahlen sind hart: Drei Gegentore gegen eine Schweiz, die in der WM-Qualifikation nur drei Treffer in sechs Spielen erzielt hatte. Die deutsche Defensive kassierte damit in den letzten drei Länderspielen acht Treffer – so viele wie zuletzt vor zwölf Jahren. Die WM rückt näher, und mit ihr die Erkenntnis: Wenn Wirtz nicht trifft, trifft der Gegner. Die Lösung? Vielleicht einfach weiter Tore schießen. Es klingt verwegen, aber es ist das einzige, was aktuell funktioniert.
