Como wird zum hollywood des fußballs: hartonos kaufen ganze stadt
Vor sieben Jahren lachte noch das ganze Lombardei, als zwei Zigarrenmilliardäre aus Indonesien den FC Como aufkauften – damals Drittligist, marode Tribüne, gelber Rasen, null Marketing. Heute sitzt Leonardo DiCaprio in der Loge, Nico Paz wirbelt wie ein junger Kaká, und die Stadtverwaltung rechnet sich schon die Touristensteuer für 2025 hoch.
Vom schlachter zur star-pipeline
„Früher war der Promi auf der Tribüne der Schlachter aus meiner Straße“, sagt Marco G., seit 1987 Dauerkarte, „heute schüttelt mir Lady Gaga die Hand, nur weil ich mein Bier in Ehren halte.“ Er übertreibt nicht viel. Das Stadio Sinigaglia, einst Fußnote in der Provinz, ist in dieser Saison der meistgefilmte Sportplatz Italiens. Netflix dreht eine Doku, Amazon bucht die Sky-Box für Prime-Member, und im Umkreis von 500 Metern gibt es mittlerweile sieben Fünf-Sterne-Hotels, drei mehr als in Mailands City-Center.
Dahinter steckt kein Sportwunder, sondern eine Immobilien-Meisterleistung. Die Brüder Victor und Michael Hartono, 48 und 52, Besitzer der Djarum-Gruppe, haben 230 Millionen Euro in zwei Jahren nur für Spielertransfers verbrannt – und fast das Doppelte in Villen, Start-ups und Luxus-Marinas am Comer See. „Wir kaufen nicht einen Klub, wir kaufen ein Lebensgefühl“, sagte Victor letzte Woche beim Wirtschaftsgipfel in Davos. „Der Fußball ist nur das Schaufenster.“

Der plan: champions league als nebenprodukt
Ob die Mannschaft tatsächlich die Champions League schafft, ist dabei fast egal. „Wenn wir Vierte werden und in die Europa League einziehen, reicht das, um den nächsten Disney-Deal zu unterschreiben“, flüstert ein Berater des Klubs. Die Einnahmen aus Tickets und TV sind marginal: Como verkauft 90 Prozent seiner Rechte längst in Asien, wo jedes Spiel samt Drohnen-Bildern des Sees live läuft. Die japanische Tourismusbehörbe verzeichnet seit Januar plus 34 % Comer-See-Buchungen – allein wegen der Instagram-Stories von Cesc Fàbregas, der als Coach nebenher Influencer spielt.
Die Fans sind gespalten. „Ich hab 2019 in der Serie C noch neben dem Schlachter gesessen, heute kostet das Bier sieben Euro“, sagt Alessandro Giummo, Präsident der Ultra-Gruppe Pesi Massimi. „Aber meine Tochter arbeitet jetzt in der Event-Agentur des Klubs. Drei Monate Probezeit, dann Festanstellung. Wer will da noch nörgeln?“

Die stadt, die sich selbst verkaufte
Como selbst wurde zur Kulisse. Die Gemeinde erhob die Tourismussteuer von zwei auf fünf Euro pro Nacht, ohne Gegenwehr. Warum auch? Die Luxuskette Amaneröffnet 2026 einen 400-Zimmer-Club auf der ehemaligen Zollwache, LVMH kaufte das Grand Hotel Villa d’Este für 480 Millionen – und ließ prompt die Preise auf 2.500 Euro die Nacht verdoppeln. „Wir leben von der Fomo der Reichen“, sagt Bürgermeister Mario Landriscina und lacht, als hätte er den Jackpot gezogen.
Ob der Klub jemals einen Titel holt, ist offen. „Wenn wir Erste werden, ist das ein Bonus“, sagt Sportdirektor Carlalberto Ludi. „Wenn wir Achte werden, ist das auch in Ordnung. Wir entwickeln Spieler, nicht Meister.“ Die Statistik gibt ihm recht: Como lag in dieser Saison nie länger als zwei Spieltage unter den ersten Vier, aber zehn Jungprofis haben bereits ihr Debüt gefeiert – und ihre Marktwerte sich verdreifacht.
Nico Paz, 20, ist jetzt 35 Millionen Euro laut Transfermarkt, vor zwölf Monaten waren es acht. „Ich könnte morgen nach Madrid zurück, aber warum? Hier spielt DiCaprio mit meiner Freundung Tennis, und der Trainer lässt mich Strafraum-tanzen“, sagt er nach dem 3:1 gegen Atalanta. Das klingt wie ein Satz aus einem schlechten Film – aber in Como ist er Realität.

Die rechnung ohne den rasen
Einzig der Stadionausbau stresst noch. Die Curva Nord muss komplett entkernt werden, weil die VIP-Logen bis an den Seeufer reichen sollen. „Die Bohrgeräte stehen bereit, aber die Denkmalbehörde blockiert“, sagt ein Bauarbeiter. „Der Präsident des Comune fürchtet, dass die Promis dann woanders gucken.“ Die Fans wittern Macht. „Wenn sie unsere Kurve abreißen, streiken wir mit dem Gesang“, droht Gabriella Rastelli, Anführerin der Matt da Villa. „Aber wenn wir gratis Eintritt bekommen, singen wir dreimal so laut.“
Die Verhandlungen laufen. Bis dahin fließt der Champagner, der See glitzert, und Como führt die Serie A mit dem jüngsten Kader aller Zeiten an. Die Champions-League-Playoffs rücken näher, doch im Klubbüro schaut man längst nicht mehr auf die Tabelle. „Unsere Quote für ein Netflix-Special steigt jeden Tag“, sagt Marketing-Chef Francesco Terrazzani. „Wenn wir Vierte werden, bekommen wir Staffel zwei. Wenn wir Dritte, gleich ein Prequel über den See.“
Und der alte Marco vom Schlachter-Block? Er hat seinen Jahresurlaub auf Oktober verschoben – dann spielt Como laut Plan gegen Real Madrid. „Ich nehm meine Tochter mit, sie soll sehen, wie der Schlachter neben DiCaprio sitzt“, sagt er. „Und wenn wir verlieren, trinken wir trotzdem. Das Bier kostet dann sicher schon zehn Euro, aber egal – die Rechnung zahlt der indonesische Onkel.“
