Wellinger zaubert planica-perfektion: 60 punkte, null makel

Planica – Ein einziger Sprung, und die Schanze stand still. Andreas Wellinger schnürte beim Saisonfinale der Skiflieger einen Fünf-Mal-20er, die Snow-White-Variante der Bewertungsskala. Zehn Athleten hatten das seit 2004 geschafft – nun ist der 28-Jährige Elfte, und die slowenische Luft schmeckt nach Rache für ein durchwachsenes Wintermärchen.

Die jury zückte die königsnote ohne zögern

Landung. Klack. 20,0 – fünf Mal hintereinander. Kein halber Punkt Abzug, keine Ermahnung, nur eine stumme Proklamation: Perfektion existiert. Stefan Bier, sonst eher nüchtern, platzte im ZDF-Stream heraus: „Das ist keine Bewertung mehr, das ist ein Kniefall.“ Severin Freund schüttelte nur den Kopf: „So sauber kann man gar nicht landen, aber er hat es eben doch.“

Marius Lindvik folgte, kratzte an derselben Marke – viermal 20,0, einmal 19,5. Die Regel streicht Best- und Schlechtestnote, also standen beide am Ende bei 60 Punkten. Unentschieden auf dem Papier, Triumph im Kopf.

Zuvor hatte nur daniel tschofenig dieselbe kurve gezeichnet

Zuvor hatte nur daniel tschofenig dieselbe kurve gezeichnet

Vor exakt einem Jahr stellte der Österreicher in Planica dieselbe Latte auf. Davor: Wolfgang Loitzl in Bischofshofen 2009, Sven Hannawald, Adam Małysz, der halbe Who-is-Who der Flugkunst. Wellingers Name ragt nun aus dieser Liste wie ein spätes Geburtstagsgeschenk, das sich plötzlich selbst verpackt.

Der scheidende Bundestrainer Stefan Horngacher atmete tief: „Das war seine Antwort an alle Zweifel – kurz, laut, unmissverständlich.“ Denn die Saison hatte Zwischentöne: Rang 22 in Oberstdorf, Aus im ersten Durchgang in Sapporo, Diskussionen über Material und Kopf. Jetzt, am letzten Wochenende, liefert er die Quintessenz: 60 Punkte, null Makel, Saisonende im Schönmodus.

Tschofenig wiederholt das kunststück – im zweiten durchgang

Tschofenig wiederholt das kunststück – im zweiten durchgang

Als wäre die Geschichte nicht abgeschlossen, trat Daniel Tschofenig erneut an und schraubte sich selbst in dieselbe Bewertungsdimension. Zwei Perfektionen an einem Tag – das gab es so noch nie. Die Schanzenarbeiter hatten kaum Zeit, die Richtertafel auf 19,5 zurückzudrehen, da blinkte schon wieder die 20,0.

Für Wellinger bleibt die Symbolik: Er flog 243 Meter weit, aber die Entfernung war nur Nebensache. Die Wertung zählt, und die war einstimmig. „Ich hab nur gedacht: Bitte keine 19,5, bitte keine 19,5“, sagte er hinterher. Die Bitte wurde erhört – fünf Mal.

Die Saison ist vorbei, die Bilder bleiben. Irgendwo zwischen den Bergen von Planica schwebt ein Sprung, der keine Nachfolge braucht. Wer nächstes Jahr wieder an der Kante steht, muss sich nur die Luft vorstellen – und die war am Sonntag für Sekunden rein wie Glas.