Vinicius meldet sich zurück – ancelotti zittert trotzdem
Vinicius Júnior läuft wieder. Sonntag, 10:23 Uhr, Orlando. Erstes Teamblocklaufen seit dem Muskel-Grummeln gegen Frankreich. Die Fernsehkameras fahren auf, die Brasilianer applaudiert – und trotzdem: Keiner hier glaubt, dass der 24-Jährige am Dienstag gegen Kroatien 90 Minuten durchsteht.
Die interne planung: maximal 60 minuten einsatzzeit
Ancelotti hat intern schon die rote Markierung gesetzt. „Wir schonen ihn, Punkt“, sagt ein Mitarbeiter des CBF-Staffs, der nicht namentlich genannt werden will. Die Scans sind sauber, das Quadriceps-Infarkt-Risiko aber bleibt. Zu viele Spiele, zu wenig Regeneration – die Statistik des spanischen Verbandes zeigt: Vinicius hat seit August 2023 bereits 4.600 Minuten auf dem Zähler, mehr als jeder andere Feldspieler von Real Madrid.
Der Plan steht: 60 Minuten gegen Kroatien, dann raus. Es ist keine Demütigung, sondern Notoperation vor dem US-Trip im Juni. Brasilien muss gegen Kroatien vor allem eins: das Tempo finden, das gegen Frankreich fehlte. Die 1:2-Niederlage in Boston war ein Filmriss: 34 % Ballbesitz in Hälfte eins, nur zwei Schüsse aufs Tor. Vinicius war in 28 Zweikämpfen, gewann 17 – und hatte trotzdem das Gefühl, „im Leerlauf“ zu laufen, wie er Teamkollege Rodrygo zuflüsterte.

Ausfälle zwingen ancelotti zur rochade
Die Personaldecke wird dünner. Wesley (Roma) und Raphinha (Barcelona) sind raus, beide mit hinterem Oberschenkel komplett außer Gefecht gesetzt. Für Ancelotti ein Domino-Effekt: ohne Raphinha rückt Endrick in die Startelf, 17 Jahre alt, 1,78 m, 78 Kg, ein Teenager mit dem Selbstvertrauen eines Old-School-Strikers. „Er fragt nicht, er fordert“, sagt Co-Trainer Cléber Xavier. Endrick hat in der U-17-Südamerikameisterschaft 2023 innerhalb von 21 Tagen fünf Tore erzielt – und verlangt jetzt schon Elfmeter-Verantwortung.
Das Mittelfeld wird umgestellt. Andreas Pereira rückt von der Zehn auf die Acht, João Gomes bekommt den Sicherheitsgurt neben ihm. Die Idee: Kroatien früh überspielen, Modrić & Co. keine Zeit zum Atmen lassen. Die letzte Begegnung – WM-Viertelfinale 2022 – endete 4:2 n.E. für Kroatien. Brasilien hat noch offene Rechnungen.

Die stimmung: zwischen erleichterung und vorsicht
Im Camp herrscht ein merkwürdiger Mischsound. Erleichterung, weil Vinicius wieder mitmacht. Vorsicht, weil die nächste Hiobsnachricht nur einen Sprint entfernt ist. Die medizinische Abteilung hat die sogenannte „Red-Zone-Liste“ erweitert: neben Vinicius stehen auch Marquinhos (Adduktoren) und Alisson (leichte Hüftreizung) auf dem Zettel. Drei Spieler, die im Juni zur ersten Elf gehören – und heute schon mit Eisbeuteln sitzen.
Ancelotti selbst wirkt gehetzt. Sonntagabend, 19:45 Uhr, Teamhotel „Four Seasons“. Der Italiener schlurft durch die Lobby, iPad unter dem Arm, stoppt jeden Schritt, um mit dem Videoanalysten zu diskutieren. Die Frage: Wie kriegt man Josko Gvardiol aus dem Rhythmus? Der kroatische Linksverteidiger ist in 94 % der Fälle first-line-press-Responsable, ein Bulle mit Ball. Antwort: Schnelles Umschalten auf die rechte Seite, Rodrygo als falsche Neun, Vinicius als Lockstoff in halbrechter Position. Die Zahlen des Analysten: Gvardiol verliert 21 % seiner Zweikämpfe, wenn der Gegner vor dem ersten Kontakt bereits zwei Pässe gespielt hat.

Fazit: ein test mit folgen
Dienstag, 21:00 Uhr, Camping World Stadium. 65.000 Zuschauer, davon 40.000 Brasilianer mit gelbem Trikot. Für Vinicius wird es kein Spaziergang – egal wie fit er wirkt. Die Uhr tickt Richtung Juni, und Ancelotti weiß: Jede Minute, die er seinem Superstar jetzt abverlangt, kann im Viertelfinale fehlen. Brasilien will nicht nur gewinnen, sondern verschonen. Ein Dilemma, das sich in jedem Sprint bemerkbar macht.
Am Ende zählt nur die Bilanz: drei Spiele im Juni, drei Finals. Und Vinicius? Er wird laufen – aber nur, wenn das Muskelgrummeln stillschweigt. Die nächsten 90 Minuten gegen Kroatien sind ein Test, aber auch eine Drohung. Brasilien hat verloren, was es zu verlieren hat: nämlich nichts – außer seinem besten Spieler.
