Vingegaard riskiert alles: giro und tour – ein plan, der seine karriere sprengt oder heilt
Jonas Vingegaard hat die Schnauze voll von Silber und von sich selbst. Nach dem zweiten Platz hinter Tadej Pogačar bei der Tour 2025 klingt seine Stimme nicht mehr nach dem kontrollierten Nordlicht, das wir kannten – sie klingt nach jemandem, der vor der Kippe stand und sich entschied, zurückzuschlagen.
Seine Waffe: ein Kalender, der aus purer Verzweiflung geboren wurde. Erst der Giro d’Italia im Mai, dann die Tour de France im Juli. 60 Renntage in vier Monaten, nur vier Wettkampfeinsätze davor. Wer so plant, spielt entweder Roulette mit der eigenen Kniescheibe – oder er kennt die Antwort auf eine Frage, die niemand auszusprechen wagt: Was passiert, wenn ein Champion merkt, dass er sich selbst langweilt?
Die maske war perfekt – bis sie zu klein wurde
Vingegaard erzählt offen von Burnout-Gefahr, von „starren Mustern“, von Wochen in Höhenlagern, in denen er mehr Face-Time mit seinem Wattmesser hatte als mit seiner Tochter. Die Vuelta 2025 war kein Triumph, sondern ein Alibi-Sieg; die Zahlen sahen besser aus als er selbst. „Ich hätte einen Burnout bekommen, wenn ich so weitergemacht hätte“, sagt er – und man glaubt ihm jedes Wort, weil seine Augenringe tiefer hängen als der Zeitabstand zu Pogačar.
Also schmiss er das Skript weg. Stattdessen: Bulgarien statt Livigno. Statt ewiger Isolation: ein Rennprogramm, das aussieht wie ein Boxtraining – drei Minuten Vollgas, eine Minute Luft holen. Giro-Tour-Double? Das gilt seit Pantani 1998 als Selbstmordmission. Dann kam Pogačar 2024 und schrieb es um in eine Einladung. Vingegaard will der zweiste Mann sein, der diesen Bluff wahrmacht – oder der erste, der daran scheitert und trotzdem lacht.

Florian lipowitz ist kein nebenschauplatz – er ist der spiegel
Visma-Rent-a-Leader nennt das keiner mehr. Lipowitz, der neue Red-Bull-Zögling, soll bei der Tour die zweite Spitze bilden – aber Vingegaard spricht ihn nicht als Helfer runter, sondern als „einen der Top-Favoriten“. Das ist kein Kompliment, das ist Kriegspropaganda. Wer Lipowitz kennt, weiß: Der Bayer lässt sich nicht fahren, er fährt. Wenn es im Juli in die Pyrenäen geht, könnte genau das Vingegaards Rettung sein – oder sein Ende. Denn wer zwei Alpha-Tiere im selben Stall hat, braucht keine Feinde mehr.
Die Katalonien-Rundfahrt, die an diesem Montag beginnt, ist kein Form-Test mehr. Sie ist ein Schaukampf. Drei Bergankünfte jenseits der 2000-Meter-Marke, zwei davon auf über 2200 m. Vingegaard landete dort 2025 außerhalb des Podestes – ein Schandfleck, den er mit Schneetreiben und Schweiß austilgen will. Danach folgt ein Block in den Alpen, der so hart ist, dass selbst seine Sportpsychologin ihn nur noch per Zoom erträgt.

Die uhr tickt – und sie tickt laut
Mit 29 Jahren ist Vingegaard kein Junge mehr, aber auch kein Greis. In der Logik des modernen Radsports bedeutet das: Jetzt oder nie. Pogačar hat zehn Monumente, er hat null. Pogačar hat 2024 beide Grand Tours gewonnen, er schaut von der Tribüne der Zweiten. Die Uhr tickt so laut, dass man sie in jedem Interview hört. „Ich kann nicht zehn Jahre warten“, sagt er – und meint: Ich habe vielleicht noch zwei.
Der Plan ist wahnsinnig, aber er ist ehrlich. Vingegaard will nicht mehr der Perfekte sein, er will der Lebende sein. Wenn er im Mai in Nessebar auf die Pedale tritt, fährt er nicht nur gegen Pogačar, sondern gegen sein eigenes Spiegelbild. Wenn er im Juli in Barcelona wieder startet, könnte er entweder als erster Mensch seit Pantani das Double schaffen – oder als erster Favorit aufgeben, weil seine Seele schneller leer ist als seine Beine.
Die Wette lautet: Wer sich selbst hasst, gewinnt entweder alles oder bricht mitten auf der Strecke. Vingegaard hat die Chips auf Schwarz gesetzt. Die Kugel rollt – und das Rad dreht sich.