Vingegaard rast auf nasser piste: ayuso raus, königstrui neu vermietet

Regen peitscht die Gruppe, Asphalt glänzt wie ein Spiegel – und plötzlich liegt Juan Ayuso im Gras, das Gelbe Trikot zerrissen, die Paris-Nizza verloren. 47 Kilometer vor dem Ziel von Bourges nach Uchon rutscht Kapitän Ayuso weg, der Lidl-Trek-Star bleibt liegen, krümmt sich, winkt ab. Sekunden später donnert Jonas Vingegaard an ihm vorbei, nach vorn, ins Ziel, aufs Podium.

Sturzserie im code gelb

Ayuso war gestern noch Held, hatte nach dem Teamzeitfahren die Führung geklaut. Heute ist er nur noch Fußnote im Krankenwagen. Auch Nils Politt (UAE Emirates-XRG) kollidiert, kann aber weiter, das deutsche Flaggschiff bleibt afloat. Die Statistik des Tages: mindestens drei Massenstürze, zahlreiche Fahrer mit Schürfwunden, ein Rennen ohne Gnade.

Vingegaard nutzt das Chaos. Der Däne setzt den Turbo auf der letzten Steigung, rast 41 Sekunden vor Daniel Martínez ins Ziel und schlägt gleich doppelt zu: Etappensieg plus Gesamtführung. Martínez folgt 52 Sekunden zurück, Georg Steinhauser (EF Education-EasyPost) wird Fünfter und neuer Dritter – 3:20 Minuten Rückstand, aber mit sichtbar aufkeimendem Selbstvertrauen.

Steinhauser zeigt profil, peloton zählt wunden

Steinhauser zeigt profil, peloton zählt wunden

Für den 22-jährigen Allgäuer ist das kein Nebenschauplatz. Steinhauser fuhr bereits im Vorjahr spektakuläre Bergankünfte, jetzt beweist er Durchhaltevermögen auf nasser Rollbahn. „Ich wusste, dass ich bei diesen Bedingungen nichts verlieren darf“, sagt er kurz atmend vor dem Teambus, Schlammspritzer bis zum Trikotkragen. Die Zahlen sprechen für ihn: er verlor nur 1:42 auf Vingegaard – ein Rennen gegen die Uhr beginnt.

Das Peloton zählt hingegen die Blessuren. Mehrere Fahrer müssen neu einradieren, mechanische Stopps häufen sich, die Temperatur kratzt an vier Grad. Direkt nach dem Ziel twittert Ayuso ein Foto vom Krankenhausbett: Daumen hoch, aber die linkte Schulter in Schlinge. Out für die kommenden Wochen, vielleicht länger.

Etappe fünf droht mit hitze und hügeln

Donnerstag geht’s 206 Kilometer von Cormoranche-sur-Saône nach Colombier-le-Vieux – endlich Sonne, dafür aber drei Anstiege in den letzten 30 Kilometern. Wer heute tief in die Pedale griff, spürt morgen die Laktat-Kater. Vingegaard schon gewarnt: „Die Führung ist schön, aber die Beine müssen noch sieben Mal brennen.“ Steinhauser lächelt nur: „Dann trete ich eben acht Mal.“

Das Drama von Etappe vier wird nachhallen – nicht nur in den Wundsalben, sondern im Klassement. Ayuso fehlt, das Feld ist offen, und die Sonne von Südfrankreich wartet mit ihrer ganz eigenen Härte. Für deutsche Augen bleibt Steinhauser der Hoffnungsträger, für die Statistiker ist Vingegaard plötzlich der Mann der Stunde. Das Rennen ist längst nicht mehr nur ein Prolog – es ist Krieg auf zwei Rädern.