Venedig baut zukunft, feiert gegenwart: penzo und taliercio erleben goldene stunde
Ein altes Stadion, ein noch älteres Basketball-Catino – und plötzlich sind sie wieder ausverkauft. Während an der Lagune neue Arenen aus dem Boden gestampft werden, erlebt Venedigs Sport gerade eine Retro-Renaissance, die selbst die Planer auf Terraferma staunen lässt.
Das paradox der stadt: neubau boomt, altbauten glühen
2027 steht der Umzug an. Dann soll der Venezia FC das erste Spiel im „Bosco dello Sport“ bestreiten, 40 Kilometer vom Touristenrummel entfernt, direkt neben dem Marco-Polo-Flughafen. Die Halle für Reyer Venezia ist schon fast fertig – Fassade steht, Kulisse stimmt, für Februar 2027 träumen die Granata von der Final Eight. Doch bis dahin: Notstand als Glücksfall. Denn wer jetzt ins Penzo auf Sant’Elena will, braucht Glück oder Connections. 25.000 Zuschauer? Geschichte. Aber 12.000 sind seit dieser Saison Standard, Rekord seit 35 Jahren.
Grund ist Giovanni Stroppa. Sein Venezia spielt den schnellsten, druckvollsten Fußball, den die Insel je gesehen hat. Serie B? Fehlanzeige. Die Leute sprechen wieder von Loik und Mazzola, von Recobas Zauberjahr 1999 – und von einer Mannschaft, die endlich die eigene DNA trägt. „Wir wollen nicht nur hoch, wir wollen obenbleiben“, sagt ein Fan vor dem Holztor am Giardino. Dabei ist das Penzo ein Gemäuer aus 1913, ohne Dach über der Tribüne, mit Wind, der vom Lido pfeift und den Libero übers Wasser jagt. Kein Konfort, pure Emotion.

Taliercio: vom feind zum wohnzimmer
Gleiches Bild im Basket. Seit 1990 haust Reyer im Palasport Taliercio, ein Betonklotz in Mestre, einst Heimstätte des Konkurrenten Mestre Basket. Dort, wo früher Derby-Hass flackerte, stehen heute 5.000 Menschen dicht an dicht – Männer mit Original-Capo d’Orlando-Trikots, Kids in Wade-Retro-Jerseys. Die Frauen von Reyer holten 2021 und 2024 den Scudetto, die Männer träumen vom zweiten Titel nach 2019. Und selbst der neuformierte Basket Mestre rollt wieder in der Lega 2, Derby-Stimmung inklusive.
Der Taliercio war einst Notlösung, heute Kult. Ohne ihn gäbe es kein 70-Punkte-Spiel von Dražen Dalipagić, keine Finals gegen Sassari, keine Choreo „Venezia è casa nostra“, die selbst Veroneser Gäste applaudieren ließ. Die Tribüne knarzt, die Klimaanlage summt wie ein Vespa-Auspuff, aber der Schrei nach einem „modernen Erlebnistempel“ verstummt, sobald der Ball hochgeworfen wird.

Die zukunft wartet, die gegenwart lebt
Beide Klubs haben die 40-Jahres-Konzession unterschrieben. Kein Zurück. Der Zeitplan ist gnadenlos: 2027 muss alles stehen, sonst platzen Sponsoring-Verträge, sonst drohen Strafen von Liga und FIBA. Trotzdem: Wer heute durch Tessera fährt, sieht Baustellen-Fotos im Instagram-Account des Präsidenten Luigi Brugnaro – und direkt danach ein Story-Video vom ausverkauften Penzo. Die Ironie? Die neuen Arenen sollen „nachhaltig“ und „multifunktional“ sein, aber erst die alten Räuberhöhlen liefern das CO2 der Leidenschaft.
Wenn 2028 der erste Ball in der neuen Halle rollt, wird der Taliercio vielleicht leer stehen. Das Penzo droht dann Museums-Status zu bekommen – oder Abriss. Doch bis dahin: Kein Ticket verfügbar. Kein Platz im Stehblock. Kein Wunder, sagt ein Mestre-Urgestein: „Wir haben 50 Jahre auf diese Bauten gewartet, jetzt warten wir lieber noch ein Jahr länger, wenn wir so weiterspielen.“ Die Stadt auf Pfählen lebt vom Widerspruch. Solange das Wasser steigt, steigt auch der Jubel – im alten Penzo, im alten Taliercio, in der neuen Saison. Die Zukunft kann warten. Die Gegenwart ist gerade erst erwacht.
