Veh attackiert die wm-gigantomanie – und sieht trotzdem gold-chancen

Armin Veh schlägt mit der Hand auf das Golfcart, als wäre es ein Pressetisch: „104 Spiele in fünfeinhalb Wochen – das ist keine Weltmeisterschaft, das ist ein Ausdauerwettbewern.“ Die Zündschnur des VfB-Meistermachers von 2007 brennt lichterloh, doch hinter dem Groll schimmert kalte Analyse: Deutschland habe im erweiterten Favoritenkreis genau deshalb eine echte Chance.

Die splitter auf dem grün

Während im Benefiz-Turnier „Legenden Masters“ in Bruchsal die Bälle fliegen, fliegen auch die Worte. Hansi Müller, Vizeweltmeister von 1982, schüttelt den Kopf: Drei Zeitzonen, endloser Spielplan, Spieler, die aus Bundesliga, Pokal und Champions League gerade so aus der Kabine fallen. „Too much“, sagt er und trifft damit den Nagel genauso wie Veh mit „aufgeblasen“.

Doch dann kommt der Bruch – und der macht die Szene lebendig. Cacau, einst WM-Warrior 2010, wedelt mit dem Driver: „Zu Hause sind meine Kids schon im Trikot. Wenn der erste Ball rollt, knallt die Euphorie.“ Zwischen Skepsis und Kinderaugen liegt genau die Schizophrenie, in der sich das Land vor dem ersten Anpfiff bewegt.

Kleinster gegner, größte falle

Kleinster gegner, größte falle

Curaçao – 156 000 Seelen, noch nicht mal so groß wie Heidelberg – könnte zur ersten Fußfalle werden. Stefan Kuntz war schon dort, auf Kreuzfahrt, und schwärmt vom „Paradies mit Konterfußball“. Trotzdem droht er mit dem Zeigefinger: „1:0 oder 2:0 gegen die Insel würde wieder alles zum Kollaps führen.“ Cacau nickt: „Pflichtsieg, Punkt.“

Die Elfenbeinküste sieht Kuntz als Zahnrad, das sich ins Getriebe der deutschen Träume legen könnte. „Individuelle Top-Stars, körperlich brutal – die unterschätzt man“, warnt er. Yan Diomande (RB Leipzig) und Guéla Doué (Bruder von Frankreichs Juwel Désiré) sind die Namen, die er dabei ausspricht wie eine Drohung.

Endstation viertelfinale oder doch gold?

Endstation viertelfinale oder doch gold?

Armin Veh zückt den Schläger, hält ihn aber nur gedanklich in Richtung Kanzleramt: „Top-Acht ist Pflicht. Alles andere hängt davon ab, ob Nagelsmann eine Welle reitet oder ob die Kabine bröckelt.“ Die Offensive sei brillant, die Defensive fraglich – ein Satz, der auch 1996 gegolten hätte, als Kuntz selbst als Joker Europameister wurde.

Und dann der Moment, der den Tag rettet. Veh sieht die Kameras, lacht kurz auf: „Argentinien, Portugal, Frankreich – klar. Aber Favoriten straucheln. Warum also nicht wir?“ Kurz, schmerzlich ehrlich. Die Antwort steht in seinen Augen: Alles ist möglich, wenn die Gigantomanie nicht zuerst die Spieler frisst. Die WM beginnt nicht erst in Kanada – sie beginnt im Kopf.