00:55 Uhr in jakarta: mit mofas und schwarz-rot-gold wird deutschland zur religion

Um kurz vor ein Uhr nachts donnern 125 Mofas durch die verstopften Straßen Jakartas. Schwarz-Rot-Gold flattert aus jedem Fenster, Deutschland-Fahnen so groß wie Strandtücher. Indonesien erlebt einen kollektiven Fiebertraum – und er trägt deutsche Farben.

Die sekte aus kassel, surabaya und makassar

Für viele hier ist Deutschland mehr als ein Land. Es ist eine Identität. Instagram-Account @mega.kowi dokumentiert seit Monaten diese nächtlichen Konvois: Jugendliche mit getunten Honda Scoopy, aufgemotzten Yamaha Nmax, die ihre Maschinen in Bundesliga-Trikots einwickeln und sich selbst „Die Mannschaft Ost-Java“ nennen. Die Videos gehen viral, Millionen Aufrufe, tausende Kommentare.

Der Hype begann mit der WM 2014, als Indonesien im Halbfinale gegen Argentinien mit 7:1 mitrang. Zufall? Nein. Die Marke Deutschland verkauft sich hier wie ein Lifestyle-Produkt. Trikots der Nationalmannschaft kosten umgerechnet 120 Euro – dreimal ein Monatslohn – und trotzdem ausverkauft.

Wenn der dfb zur religion wird

Wenn der dfb zur religion wird

In den engen Gassen von Surabaya treffen sich die „Mofa-Gläubigen“ jeden Samstag. Die Regeln sind einfach: Schwarz-Rot-Gold oder raus. Wer kein Deutschland-Tattoo tragen kann, muss sich eins stechen lassen. Die Szene ist laut, jung, männlich – und wächst rasant.

Die Polizei schaut weg. Zu groß ist die Faszination. Ein Beamter erklärt mir zwischen zwei Mofas: „Die Kids machen keinen Ärger. Sie feiern nur ein Land, das sie nie betreten werden.“

Der preis der leidenschaft

Der preis der leidenschaft

Ein Tank Benzin kostet hier weniger als ein Euro. Aber der Aufwand ist enorm: Handbemalte Flaggen, selbst geschneiderte Trikots, Mietkosten für die Lautsprecher. Viele nehmen Kredite auf, um dabei sein zu dürfen. Die Schulden wachsen, die Faszination auch.

Der nächste Konvoi ist für Mitternacht geplant. 125 Mofas, 250 Fahnen, ein Land, das 11.000 Kilometer entfernt ist. Und trotzdem ist es hier allgegenwärtig. In jeder Ampelphase, in jedem Instagram-Video, in jedem Herzschlag dieser Jugendlichen.