Unzué packt aus: „wir brauchen weniger rennen, mehr sinn“
Eusebio Unzué misst jedes Wort – und schlägt mit seiner Stimme Wellen bis in die Chefetagen des Radsports. Der Movistar-Manager fordert ein radikales Reset: zu viele Rennen, zu viel Rauschen, zu wenig Struktur. „Ein Popcorn-Kalender“, nennt er das Programm, „der den Charme einzelner Etappen verflüchtigt.“
Der blick nach vorn beginnt mit einem blick in den rückspiegel
Die Saisonbilanz? Enttäuschend, aber nicht desaströs. „Ergebnisse haben gefehlt, doch die Zahlen unterschlagen die Stimmung“, sagt Unzué. Die sogenannte „mittlere Klasse“ des Teams – Ivan Romeo, Raúl García, Nelson Oliveira – habe Reife gezeigt. „Sie sind kein Nachwuchs mehr, sie sind das Gerüst.“ Nur: Stürze rissen Löcher. Enric Mas sitzt nach seiner Schulter-OP wieder im Sattel, doch die Volta a Catalunya wird erstmals zeigen, ob die alte Topform zurückkehrt.
Cian Uijtdebroeks, 21, soll helfen, die Lücke zu schließen. Der Belgier kam mit fünf Profijahren im Gepäck – ein Novum. „Früher wollten wir Talente erst einmal tempern, heute holen wir sie gebrauchsfertig“, erklärt Unzué. Die schnelle Karriere habe funktioniert, „aber die Rechnung zahlen wir jetzt: Er muss lernen, Rennen zu lesen, statt sie nur zu fahren.“

Patron sucht partner – und findet keinen
Der Etat klettert, das Sponsoring stagniert. „Jedes Team sucht den Geldgeber, der den Sport versteht, nicht nur die Logos“, sagt Unzué. Movistar fehlt ein Co-Titelpartner, der die Lücke zwischen Telefónica und Bike-Hersteller Canyon schließt. „Ergebnisse machen sexy, klar. Aber wir verkaufen auch Geschichten – und die brauchen Zeit.“ Die Uhr tickt. 2026 läuft der Vertrag mit dem Telekom-Riesen aus.
Die personelle Lücke ist größer. Mit Nairo Quintana verschwand ein Kapitel. „Er war unser Katalysator, hat uns geglaubt gemacht, dass der Tour-Sieg möglich ist“, erinnert sich Unzué. Die Trennung verlief leise, aber endgültig. „Emotional hinterlässt so ein Abschied ein Vakuum, das kein Youngster sofort füllt.“

Superliga? schon wieder? „ja, aber diesmal mit hirn“
Hinter den Kulissen arbeitet eine Arbeitsgruppe an einem neuen Kalender-Modell. Unzué sitzt im Beirat. „Wir sind bereit, Stück für Stück zu amputieren“, sagt er ohne Umschweife. „Weniger WT-Etappen, dafür mehr Narrative. Ein Klasiker muss sich wieder wie ein Fest anfühlen, nicht wie ein Pflichttermin.“ Die Teams hätten zugestimmt, die Rennveranstalter zögen noch. „Es gibt Ego-Interessen, aber die Erschöpfung ist allseits spürbar.“
Sein Fazit fällt knapp aus, wie seine Antworten: „Wir haben das Material, um mitzuspielen. Jetzt müssen wir liefern – auf der Straße und am Verhandlungstisch.“ Die Volta a Catalunya wird der erste Stresstest. Danach entscheidet sich, ob Movistar 2024 doch noch zur Erfolgsgeschichte wird – oder zur Fußnote in Unzués langer Bilanz.
