Undav knallt, nagelsmann bremst: das dfb-experiment läuft auf irrwegen

Ein 88-Minuten-Treffer rettet den vierfachen Weltmeister vor der Blamage. Die Arena tobt, der Held lacht, der Bundestrainer lüftet das Geheimnis: Deniz Undav bleibt Joker – egal, wie oft er trifft.

Stuttgart, 76 Tage vor der WM. Wer erwartet hatte, dass Julian Nagelsmann nach dem 4:3-Spektakel in Basel nun eine Startelf präsentiert, die Dampf macht, sah sich getäuscht. Gegen Ghana reichte es nur zu einem 2:1, das die Defizite des DFB-Kollektivs offenlegt stärker als jede Statistik.

Der stuttgarte volksheld und die falle hinter dem jubel

Als die Anhänger nach 30 Minuten erstmals „Undav! Undav!“ skandieren, steht er noch am Spielfeldrand. Die Kurve zwingt Nagelsmann zur Pause-Wechsel – und der Stürmer liefert. Vier Ballkontakte, ein Tor, ein Schulterklopfer. Doch die Nachspielzeit ist gnadenlos: „Eher unwahrscheinlich“, dass er in Katar mehr darf als 15 Minuten, sagt der Bundestrager ungerührt. 23 Tore in 38 Pflichtspielen? Egal. System geht vor Sentiment. Die Botschaft ist klar: Wer beim VfB Kulturgut ist, muss bei der Nationalelf noch im Museum warten.

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Die erste Viertelstunde versprach Festival: Pressing, Positionswechsel, zwei Großchancen für Woltemade. Dann folgte dieselbe Lethargie, die schon in Basel die Zuschauer in den Schlaf schickte. „Wir haben wieder Freestyle gespielt“, sagt Nagelsmann und meint damit: Jeder wollte der Held sein, keiner wollte die Räume sichern. Ghana brauchte nur zwei Konter, um die deutsche Abwehr zur Panik zu treiben. Das 1:1 entsteht an einem Abend, an dem selbst Vagnoman wie ein Debütant wirkt. Köhn zieht vorbei, Fatawu trifft, die Kette steht wie gelähmt. „So dürfen wir das nicht fressen“, wettert der Trainer – und kassiert trotzdem das nächste Eigentor der Gefühle.

2,5 Monate bis katar: die uhr tickt lauter als der tormann

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Nagelsmann hat zwei Testspiele, um aus der Rumpelgruppe eine verschlossene Einheit zu schmieden. Die Statistik ist bissig: drei Gegentore gegen die Schweiz, eines gegen Ghana – alle durch individuelle Fehler. Schlotterbeck wirkt überdreht, Vagnoman überheblich, die sechs hinten ein Puzzle mit Fehlstücken. „Wir gehen viele unnötig weite Wege“, klagt der Bundestrainer. Gemeint ist: Jeder Ballgewinn wird sofort zum Risiko, weil die Linien auseinanderklaffen. Bei WM-Tempo bestraft kein Fatawu, sondern Vinícius oder Messi solche Lücken gnadenlos.

Am Ende jubelt Stuttgart trotzdem, weil der Heimliche Held doch noch trifft. Aber der Jubel hat ein Verfallsdatum: Wer in Katar erst in der 88. Minute wacht, fliegt in der Vorrunde nach Hause. Nagelsmanns Bilanz nach fünf Spielen: keine einzige Nullnummer, drei Pleiten, zwei Siege, zu viele individuelle Fehler. Das ist kein Zwischensprint mehr, es ist ein Sprint gegen die Zeit. Und die läuft, ob mit oder ohne Undav in der Startelf.