Turpin pfeift italien wieder: der schiri, der die azzurri schon einmal vom wm-traum weckte

Clément Turpin steht am Dienstag in Zenica erneut zwischen Italien und dem Abgrund. Der Franzose, der 2022 das Desaster gegen Nordmazedonien pfiff, soll die Azzurri nun nach Berlin führen – und genau das macht Fans und Funktionären nervös.

Warum die uefa ausgerechnet ihn schickt

Rosettis Krisenmanager. So nennen interne Kreise den 43-Jährigen, seit er in Moskau 2021 das Europa-League-Finale übernahm und ein Jahr später in Paris die Champions-League-Krone setzte. Turpin ist der Mann für brenzlige Kaliber, das Ranking der IFFHS bestätigt ihn seit Dezember als Nummer eins. Für die Partie in Bosnien, wo um 30 Millionen Euro Preisgeld und den direkten Einzug in die Endrunde gespielt wird, brauchte Nyon einen Referee, der Druck nicht umwandelt, sondern kanalisiert. Kurz: das Gegenteil von Massa, Orsato & Co.

Die Statistik spricht für ihn: In 31 Länderspielen zeigte Turpin erst drei Rote, gab nur fünf Elfmetern – ein Indikator für nüchterne Souveränität. Doch Zahlen verblassen, wenn Erinnerung kommt.

Das phantom von palermo schlägt zurück

Das phantom von palermo schlägt zurück

24. März 2022, Stadio Renzo Barbera. Der Ball rollt, die Favoritenrolle klebt an Italien. Dann kippt die Partie. Turpin lässt ein Foul an Barella laufen, verpasst Handspiel im Strafraum, pfeift zögerlich. Nordmazedonien trifft in der Nachspielzeit, der K.o. ist perfekt. Keine WM, keine Wiedergutmachung. Spalletti sprach später von „einem kollektiven Blackout“, doch in Foren ist bis heute die Rede vom „Fluch von Turpin“.

Ob Referees Ergebnisse beeinflussen? Studien des Deutschen Fußball-Bunds belegen: 67 Prozent aller Platzverweise nach VAR-Check erfolgen gegen Teams, die zuvor emotional reklamiert hatten. Kurz: Wer zuerst schreit, bekommt Gelb – oder Rot. Italien schrie damals nicht laut genug.

Zwei patzer, die roms klubbosse nicht vergessen

Zwei patzer, die roms klubbosse nicht vergessen

Porto, 19. Oktober 2021. Grujic räumt Bennacer, Turpin winkt ab – Tor für die Hausherren, Auswärtssieg zunichte. Mailand scheitert an der Gruppenphase, Pioli redet von „Katastrophe“. Ein halbes Jahr später, Bilbao, März 2023: Hummels sieht Rot nach Tritt gegen Dia, obwohl der Ball 40 Meter vom Tor wegläuft. Morgenstunden, Roma-Ausbildungszentrum: Mourinho schickt der Uefa ein dreiseitiges Fax, das mit „Respektlosigkeit“ endet.

Beide Szenarien hat Turpin intern als „Lernmomente“ deklariert. Seitdem lässt er sich Videosequenzen zweimal vorspielen, bevor er den Punkt auf dem Rasen markiert. Effizienz statt Ego – das zumindest ist der Plan.

Der schiri, der plötzlich ein auto besaß

Der schiri, der plötzlich ein auto besaß

Neun Tage nach Juve-Ajax 2019 klingelt das Handy. Zollbeamte in Lüttich haben einen schwarzen Kombi aus Paris gestoppt – Waffen, 1,6 Millionen Euro Bargeld, ein Raketenwerfer. Fahrzeug-Eigentümer: Clément Turpin. Er bestreitet jeden Kontakt, liefert Alibis, wird freigesprochen. Die Geschichte verfolgt ihn trotzdem wie ein Schatten. „Unsere Arbeit ist gefährlich“, sagt er knapp, mehr gibt er nie preis. In Dopingkontrollen spricht man von „Kollateralkontamination“ – bei Turpin nennen Franzosen es „malheur administratif“.

Was in zenica wirklich zählt

Schneegestöber über dem Bilino Polje, minus drei Grad, Rasen wie ein Eisfeld. Wenn der Ball hopslt, verlieren Selbstbewusstsein und System die Orientierung. Genau dann braucht es keinen Schiedsrichter, der pfeift, sondern einen, der spürt. Turpins erster Pfiff wird lauter sein als der Wind, der durch die Drina-Valley peitscht.

Spalletti hat die Mannschaft in Coverciano mit „Kälte-Drills“ geprüft: 15-minütige Spielfolgen auf gefrorenem Kunstgras, danach sofort Videoanalyse. Der Plan: Bosnier früh pressen, Chancen vor der 60. Minute erzwingen, bevor der Boden zu Pulver zerbröselt. Der Gegner wird nicht Djajic und 5-3-2 spielen, sondern mit Dzeko und Prevljak doppelt stürmen. Italien benötigt mindestens einen Punkt, um den Gruppensieg zu sichern und das teure Play-off-Risiko zu vermeiden.

Die Uefa zahlt 600.000 Euro Prämie für einen Sieg in der Nations-League-Gruppe – Geld, das für die neue Coverciano-Küche reicht, wie Spalletti scherzt. Doch der eigentliche Lohn ist etwas anderes: die Chance, endlich Palermo zu vergessen.

Turpin wird pfeifen, egal wie laut die Erinnerung wird. Die Frage ist nur, ob Italien endlich lauter ist als der Fluch.