Türkei-Attacke im Fußball: Drei Siege, sechs Millionen Euro

Erfolgreiche europapokal-bilanz

Drei Spiele, drei Siege – so liest sich die makellose Europapokal-Bilanz der türkischen Vertreter in der vergangenen Woche. Galatasaray besiegte den norwegischen Meister Bodø/Glimt mit 3:1 in der Champions League. Fenerbahçe gewann 1:0 gegen den deutschen Pokalsieger Stuttgart in der Europa League. Samsunspor siegte 3:0 gegen den ukrainischen Meister Dynamo Kiew. Insgesamt gewannen die Teams sechs von acht Spielen der Liga-Phase bisher.

Investitionen und gehälter

Investitionen und gehälter

Die fünf ligaweit teuersten Einkäufe aller Zeiten sind aus der abgelaufenen Wechsel-Periode. Allen voran der 75-Mio.-Blockbuster-Transfer von Stürmer Victor Osimhen (26), der nach seiner Leihe fest von Italien-Meister Neapel zu Galatasaray ging. Weitere Beispiele: Besiktas kaufte Orkun Kökcü (24) für 30 Mio. von Benfica. Von dort ging Linksaußen Kerem Aktürkoglu (27) für 22,5 Mio. zu Fenerbahçe. Gala verpflichtete zudem die DFB-Stars Leroy Sané (29/von Bayern) und Ilkay Gündogan (35/von Man City), beide waren ablösefrei. Brasiliens Nationalkeeper Ederson (32) hält jetzt statt für Man City für Fenerbahçe.

Marktwert und kader

Marktwert und kader

Außerhalb der Top-5-Ligen haben inzwischen nur noch der FC Porto, Sporting und Benfica einen größeren Kader-Marktwert als Galatasaray (305 Mio.) und Fenerbahçe (292 Mio.). „Das Niveau der türkischen Liga ist wirklich gut, das zeigen ja auch die letzten Ergebnisse der türkischen Teams in den internationalen Wettbewerben. Die Mannschaften sind taktisch und technisch gut ausgebildet“, sagt Domenico Tedesco (40) zu SPORT BILD. Er muss es wissen. Seit September ist er Trainer von Fenerbahçe.

Fans und gehälter

Fans und gehälter

Ein Faktor sind die guten Gehälter. Sturmstar Osimhen (41 Tore in der Vorsaison) kassiert mehr als 20 Mio. im Jahr, bei Sané sind es bis zu 15 Mio. Die Steuern sind niedrig, gerade für Ausländer gilt fast brutto gleich netto. Gezahlt wird gerne in Euro und nicht in an Wert verlierenden Türkischen Lira. Dazu kommt die Zuneigung der Anhänger. Kaum ein Star, dem nicht bei der Ankunft am Flughafen oder einer Extra-Präsentation im Stadion Tausende Fans zujubeln – egal, zu welcher Tageszeit. „Die Liebe der Fans zum Fußball ist unglaublich“, sagt Tedesco: „Ich mag es, wenn es große Emotionen gibt. Das zeigt, dass den Menschen der Verein nicht egal ist, dass sie mitfiebern.“ Er berichtet: „Die Menschen hier sind alle extrem herzlich und haben es uns wirklich leicht gemacht, uns vom ersten Moment an sehr wohlzufühlen.“

Finanzierung und tv-deal

Finanzierung und tv-deal

Woher kommt das Geld für den Angriff? Noch vor wenigen Jahren drückten die türkischen Top-Klubs Schuldenberge von zusammen mehr als 1 Milliarde Euro an Wert. Eine Maßnahme sind Kapitalerhöhungen der an der Börse gehandelten Klubs. Durch die Ausgabe neuer Aktien nahm Gala rund 51 Mio. Euro netto ein. Fener rechnet bei einer ähnlichen Maßnahme mit rund 20 Mio. Euro, Besiktas hofft durch Umschichtungen auf Investitions-Spielräume von mehr als 300 Mio. Euro. Dazu kommt ein lukrativer neuer TV-Deal mit dem katarischen Sender BeIN Sports, der 168 Mio. pro Jahr bringt – auch das ist schon Platz 6 in Europa. Die Einnahmen aus Ticketing und Merchandising sprudeln.

Tradition und geduld

Tradition und geduld

Entgegen aller Klischees beweisen die Klubs mehr Geduld als früher. Beispiel Tedesco: Bei Vorgänger José Mourinho (62/inzwischen Benfica) setzte man noch auf einen großen Namen, um zum ersten Mal seit 2014 Meister zu werden. Der Deutsche wurde dagegen durch ein mehrstufiges Auswahlverfahren mit Blick auf Training und Taktik sowie den persönlichen Umgang gefunden. Als er dann kurz nach Amtsübernahme drei Spiele sieglos blieb und ein neuer Präsident gewählt wurde, passierte – nichts. Erstaunlicherweise. Würde in solchen Szenarien sonst der Trainer als Erstes fliegen, blieb Neu-Boss Sadettin Saran (61) ruhig und hielt nach Gesprächen mit dem Team am Ex-Schalke-Coach fest. Der dankte mit fünf Siegen in den folgenden sechs Partien. Auch Verbands-Vorstand Hamit Altintop (42) sprach sich in einer Zeitungskolumne für mehr Geduld in Vorstands-Etagen aus.

Zukunftspläne

Vorbild ist Galatasaray, wo Coach Okan Buruk (52) in seine vierte Saison geht. Nach Krisenjahren mit Tabellenplatz 13 in der Saison 21/22 als Tiefpunkt, führte er die „Löwen“ zu drei Meistertiteln in Folge. „Wir haben den besten Kader in der Geschichte von Galatasaray zusammengestellt“, findet Buruk, dem im Sommer u.a. auch Verteidiger Wilfried Singo (24/von Monaco) und Keeper Ugurcan Cakir (29/von Trabzon) für knapp 60 Mio. Euro gekauft wurden. Sein Klub hat besonders viel Kohle, weil er mit dem Verkauf seines alten Trainingsgeländes im Villenviertel Florya bis zu 300 Millionen Euro einnehmen kann, von denen Teile schon geflossen sind. Nächstes Ziel ist jetzt die K.-o.-Phase der Champions League, die der Verein aus dem europäischen Teil von Istanbul seit 2013 nicht mehr erreicht hat. Dieser Schritt wird intern als entscheidend für die Weiterentwicklung gesehen.

Nationalmannschaft

Demnächst wollen auch Fenerbahçe und Besiktas dorthin, gerade nach den Investitionen in neue Stars. Zu denen zählen bei Fener auch Stürmer Jhon Durán (21/geliehen von Al-Nassr), Ex-BVB-Kandidat Edson Álvarez (27/von West Ham) oder Ex-PSG-Verteidiger Milan Skriniar (30). Besiktas konnte sich Premier-League-Star Wilfred Ndidi (28/von Leicester) angeln. Und selbst Trabzonspor, traditionell vierte Kraft hinter den Istanbuler Klubs, landete mit der Leihe von Keeper André Onana (29/von Man United) einen Coup. Und noch einen Effekt hat die Türkei-Attacke: die Nationalelf. Nach klaren Siegen gegen Bulgarien und Georgien stehen die WM-Play-offs in Aussicht. Es wäre die erste WM-Teilnahme seit mehr als 20 Jahren.