Tonali trägt italien auf die schultern – 90 minuten vom traum entfernt
Rino Gattuso hatte es vorhergesagt: „Ich trage Italien auf meinen Schultern.“ Gestern abend legte er die Last ab – und Sandro Tonali packte sie sich ohne mit der Wimper zu zucken auf seine. Ein Tor, eine Vorlage, ein ganzer Abend in Mailand, der das Azzurri-Ticket für die WM-Endrunde in greifbare Nähe rückt.
Der 23-Jährige, lange von Adduktorproblemen geplagt, lief 67 Minuten, bevor ihn Gattuso mit Tränen in den Augen und einem Klapps auf den Hintern dankte. Denn in dieser kurzen Spielzeit reichte Tonali, um Nordirland in zwei Szenen zu zerlegen: Minute 34 chippte er Kean mustergültig in den Lauf, 2:0 – und kurz vor dem Seitenwechsel versenkte er selbst den Ball zum 3:0-Endstand. Die Art, wie er sich vor dem Strafraum die Kugel mit dem Hintern abschirmte, erinnerte an Gattusos legendäre „Ringhio“-Tacklings. Maignan hatte es so beschrieben: „Wenn Sandro sein Gesäß vorlegt, siehst du den Ball nicht mehr.“
Ein verspätter schritt zurück nach vorn
Italien hatte Stunden zuvor noch gezittert. Kein Superstar, keine Galáctico-Strahlkraft, nur ein Kollektiv, das sich an seine eigene Historie klammerte. Die erste Halbzeit war ein Spiegelbild des gegenwärtigen Calcio: ordentig, aber farblos. Dann kam Tonali. Mit ihm erwachte die Erinnerung an Vialli und Zola, an Zeiten, als italienische Mittelfeldspieler die Premier League beehrten. Jetzt ist er selbst der Export-Schlager – und gleichzeitig die Rettung daheim.
Die Tribüne im San Siro war ein einziges Nervenbündel. Als der Schlusspfiff ertönte, fielen Bonucci, Buffon und Gattuso sich in den Arm wie ein Dreikopf-Monster, das gerade den Höllentor-Öffner in der Hand hält. Denn nächste Woche wartet in Zenica der alte Bekannte Dzeko. Die Bosnier sind inzwischen ein Schlachtfest-Team, das sich auf sein Stadion-Fortress verlässt. Mit Tonali auf den Schultern aber scheint selbst der Weg ins Verdammnis lösbar.
Die Statistik lügt nicht: Seit seinem Debüt hat Italien in Spielen mit Tonali von neun Partien acht gewonnen. Die Passquote gestern: 92 %. Balleroberungen: fünf. Torschüsse: zwei – beide resultierend in Torbeteiligungen. Kleine Zahlen, große Wirkung.

Ein junge, ein brief, eine mission
2006, WM-Jahr, schrieb der 6-jährige Sandro an den Weihnachtsmann: „Ich will die Weltmeisterschaft gewinnen.“ Der Brief ist in Brescia in einer Schublade verstaubt. Heute wäre er fast ein Relikt – wäre da nicht der Coach, der genau diesen Jungen aus dem Drecksolivenöl-Provinzkreis zu seinem Alter Ego erkor. Gattuso war Mittelstürmer der Seele, Tonali ist sein Klon mit besseren Füßen.
Der Countdown läuft. 90 Minuten trennen Italien vom Ticket nach Amerika – und von der Rückkehr in die Riege der Fußball-Großmächte. Keine Schlussfrage, keine leere Phrase: Wenn Tonali auch in Zenica sein Gesäß hinhält, fliegt der Ball – und mit ihm der gesamte Boot – direkt ins Paradies des Weltpokals.
