Tonali dominiert italiens nacht: kean mit power, gaulbraith überrascht
Sandro Tonali spielte, als stünde Milan auf dem Rasen. Seine 90 Minuten in Bergamo waren ein Monolog voller diagonal Bälle, Zweikampfgewinne und jener Kaltschnäuzigkeit, die Italiens Mittelfeld seit Jahren vermisst. Kein Zufall, dass die Azzurri gegen die Gäste aus Nordirland nur dann wirkten, wie Trainer Mancini sie sich erträumt, wenn der 22-Jährige das Tempo diktierte.
Gaulbraith wirbelt, kean trifft – und doch bleibt tonali der dreh- und angelpunkt
Die Statistik lügt nie: 92 % Passquote, 13 von 15 Balleroberungen gewonnen, drei Schlüsselpässe, die fast alle in Torgefahr mündeten. Mancini hatte vor dem Spiel gefordert, „Personen statt Figuren“ auf dem Platz zu sehen. Tonali erfüllte die Forderung mit leuchtenden Augen. Neben ihm wirkte Nicolo Barella wie ein aufgeregter Schüler, der endlich den Lehrer kopiert.
Dabei hätte der Abend auch Ethan Gaulbraith gehören können. Der 21-jährige Mittelfeldstratege aus Manchester ließ Italiens Pressing mit einem einzigen Body-Feint auseinanderfallen. Seine 37 Meter lange Diagonale auf Conor Washington war die schönste Szene des ersten Drittels. Nordirland schaffte 42 % Ballbesitz – ein Wert, den die Grün-Weißen gegen Italien zuletzt 1990 erreichten. Doch Schönheit reicht eben nicht, wenn die Gegner kalte Effizienz zeigen.
Moise Kean erinnerte sich daran. In der 31. Minute sprintete er sich in Richtung Fünferraum, ließ Gianluca Mancini die Richtung raten und nagelte den Ball mit dem Spann in den Winkel. Kein Keeper der Welt hätte diesen Schuss noch berührt. Kean sprintete nicht zum Jubel, er deutete nur kurz auf sein Ohr – die Geste für „ich höre euch jetzt“, gerichtet an jene italischen Kommentatoren, die ihn nach der EM-Pleite abgeschrieben hatten.
Die Gäste antworteten mit dem nächsten Gaulbraith-Coup: eine Ecke, getreten als hätte er GPS-Koordinaten, landet auf dem Kopf von Dan Ballard. Donnarumma flog, erwischte nur Luft, aber der Pfosten rettete. 0:2 zur Pause, und doch war die Hälfte des Applauses für den jungen Nordiren bestimmt, der in Bergamo plötzlich wie ein Hybrid aus Scholes und Modric wirkte.

Mancinis rechenschaft: „wir haben gelernt, dass führung kein selbstläufer ist“
Die zweite Hälfte verflachte, weil Italien nicht mehr spielen, sondern verwalten wollte. Das taktische Bild: 4-1-4-1 mit Tonali als alleiniger Sechser, Barella und Cristante als Schaltstellen vor der Abwehr. Nordirland wechselte auf 3-5-2, überlud die Flügel, doch ohne Gaulbraith, der in der 62. Minute ausgewechselt wurde, fehlte der Plan. Die letzte gefährliche Szene: Washington chippte, Florenzi klärte auf der Linie. Danach nur noch Publikumsbeschallung und das süße Gefühl, dass Italiens EM-Debakel von 2022 endgültig Vergangenheit ist.
Für Pelkums Leser bleibt die Erkenntnis: Ein Team ist nur so stark wie seine Mittelfeld-Achse. Tonali liefert die Beweise, Gaulbraith liefert die Warnung. Die Nations-League wird zeigen, ob diese Nacht ein Vorgeschmack auf ein neues italienisches Gesicht oder nur ein schönes Schaukeltor bleibt. Die Uhr tickt: In 97 Tagen startet die Qualifikation für die WM 2026. Wer bis dahon nicht mit Tempo und Kreativität dabei ist, wird sich hinten anstellen müssen – egal, wie laut der Name klingt.
