Italien befreit sich von seinen monstern – tonali schießt azzurri in wm-finale

Die Angst saß tief, wie Sandro Tonali nach dem 2:0 gegen Nordirland zugab. „Wir haben die Monster gesehen“, sagte der Mittelfeldspieler und meinte damit die Geister von verpassten Turnieren, von frühen Rückständen, von einem Land, das sich selbst nicht mehr glaubte. Dann traf er selbst – und die Kette riss.

Gattuso zerrt die squadra azzurra ins finale

Trainer Gennaro Gattuso stand nach Abpfiff noch mit geröteten Augen am Spielfeldrand, als hätte er selbst 90 Minuten gegen sich gespielt. „Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht, brummte er in die Rai-Mikrofone. Zu langsam, zu ideenlos, zu ängstlich – das erste Drittel gehörte Nordirland, nicht Italien. Locatelli lag zu tief, die Zentrale wirkte wie ein Flickenteppich. Doch wer Gattuso kennt, weiß: Er liebt das Feuer, das sich aus Verzweiflung speist.

Die Wende kam in der 63. Minute. Tonali nahm einen Querschläger auf, zog aus 19 Metern ab, traf das linke untere Eck. Die Gewissheit kehrte zurück. „Nach dem 1:0 waren wir kopf frei“, sagte der 25-Jährige. Das zweite Tor folgte wie ein Reflex: Moise Kean staubte ab, lief nach links in den Strafraum und spürte, wie 60 Millionen Schultern sich leichter anfühlten. „Ich trug Italien“, sagte er später. Kein Pathos, nur Tatsache.

Bergamo als brennpunkt der hoffnung

Bergamo als brennpunkt der hoffnung

Die Atmosphäre in der Gewiss Stadium erinnerte an jene Abende, als Italien noch als Turnierfavorit galt. Die Fans sangen auch nach einem schwachen ersten Durchgang, applaudierten, als die Mannschaft unter Pfiff zurück in die Kabine ging. „Wir haben sie gebraucht“, sagte Gattuso. Ohne diesen Rückhalt wäre die Angst womöglich gesiegt. Stattdessen steht nun das Finale gegen Spanien – und mit ihm die Frage, ob die Befreiung von gestern auch für morgen reicht.

Die Statistik spricht für sich: Italien kassierte in den letzten fünf Spielen keinen Gegentreffer aus dem Spiel heraus, traf selbst neunmal. Doch Zahlen sagen wenig über die Psyche. Tonali kennt die Monster, die noch schlummern: „Wir haben gesehen, was passiert, wenn wir nur halb dabei sind“. Spanien wird nicht zögern, die Wunden aufzureißen. Die Azzurri müssen erneut laufen, als gäbe es kein Morgen.

Für Gattuso beginnt jetzt die eigentliche Arbeit. Er muss eine Mannschaft finden, die nicht nur 60, sondern 90 Minuten lang spielt, die nicht erst durch einen Rückstand wach wird. Die Italiener haben ihre Monster benannt – und sich selbst überwunden. Ob sie auch Spanien überwinden, entscheidet sich in sieben Tagen. Die Karten liegen offen. Die Angst ist abgestreift. Nun muss nur noch der Fußball sprechen.