Timo werner schlägt zurück: in kalifornien zählt plötzlich sein assist, nicht sein tor
Die Sonne über San José brennt, und Timo Werner lacht. Nicht, weil er trifft – das tut er seit Wochen nicht –, sondern weil er endlich wieder zählt. Zwei Vorlagen in drei Partien, mehr Assist als Haaland in dieser Phase, und niemand fragt nach dem Tor. „In Europa zählte nur: Trifft Werner? In San José heißt es: Wenn er kein Tor schiebt, ist das okay.“
Der assist, den europa ignorierte
Die Zahlen liegen auf dem Tisch wie ein vergessenes Testament: 21 Assists in 89 Chelsea-Spielen, sieben in 41 Spurs-Einsätzen. „Das wurde nie gewürdigt“, sagt der 30-Jährige dem Portal Goal. Stattdessen titelten die Blätter über die xG-Fehlschüsse, über die Sprintduelle, die er sich selbst verlor. In Leipzig war er nach der Rückkehr aus London nur noch Statist: 13 Minuten in der Hinrunde, kein Plan, kein Vertrauen. „Ich hatte alles gewonnen, plötzlich war ich Leihgut in meinem eigenen Land.“
Die MLS ist kein Zurück, sondern ein Neustart, der sich selbst erfindet. Werner spielt links außen, zieht innen, legt quer, rennt 11,3 Kilometer pro Spiel – mehr als jeder Earthquake außer dem Sechser. Trainer Luchi Gonzalez nennt ihn „unseren Raumöffner“, weil seine Sprints die gegnerische Kette sprengen wie ein Reißnagel im Asphalt. Die Fans skandieren „Timo-Time“, wenn er zum ersten Eckstoß sprintet, nicht wenn er trifft. Das ist neu. Das ist Befreiung.

„Ich schäme mich nicht, 30 und in der mls zu sein“
Er spricht das Alter aus, als wäre es ein Akt der Rebellion. 30 Jahre, 57 Länderspiele, Champions-League-Sieger – und trotzdem fühlt sich der Wechsel wie ein Jugendknast, der endlich aufbricht. „Sieben, acht Jahre auf höchstem Niveau“, sagt er, „aber die letzten zwei haben gereicht, um mich als abgebrannt zu etikettieren.“ In Kalifornien trainiert er mit GPS-Gurt, der seine Geschwindigkeit live auf dem Ipad des Analysten malt. 34,2 km/h Spitze, nur ein Zehntel langsamer als 2019. Die Daten sagen: Die Beine sind noch da. Der Kopf auch.
Am Samstag stand er 67 Minuten, zog zweimal die Abwehr auf seine Spur, schlug die Flanke, die den Führungstreffer einleitete. Kein Tor, Applaus bis zum Abpfiff. „Wenn du 25 Vorlagen gibst und wir jedes Spiel gewinnen, ist das besser als 20 Tore und Platz zwölf“, sagt er. Die Logik ist einfach: In Europa war er Produkt, in Amerika ist er Protagonist. Und Protagonisten dürfen auch mal null Tore schießen, wenn die Geschichte trotzdem vorwärts läuft.
Die Saison ist jung, San José ungeschlagen, und Werner hat bereits zwei Assists auf dem Konto – so viele wie in seinen letzten 44 Bundesliga-Minuten zusammen. Die nächste Rechnung lautet: Wenn er so weitermacht, landet er bei 17 Vorlagen – Earthquakes-Rekord. Kein Fan fragt danach. Kein Reporter auch. Zum ersten Mal seit Jahren muss Timo Werner nicht treffen, um zu gewinnen. Und das ist der größte Sieg seiner Karriere.
