Mainz 05 verliert lee und leitsch: europacup-quartett droht zu wanken
Angelika Klein – Es ist 19:09 Uhr, 51 Minuten vor Anpfiff, da flattert die Nachricht durchs Mewa-Forum, die selbst erfahrene Stammgäste aufstöhnen lässt: Jae-Sung Lee und Maxim Leitsch fallen aus – beide, kein Ersatz, kein Warm-machen, einfach weg. Der 1. FSV Mainz 05 muss das Viertelfinal-Hinspiel der Conference League gegen Racing Straßburg ohne seinen Mr. Europa und seinen verletzungsgeplagten Innenverteidiger bestreiten.
Die Symptome kennen die Betreuer auswendig: Lee hatte schon am Mittwoch das Abschlusstraining verpasst, Leitsch fehlte ohnehin seit Wochen in den Matchday-Kadern. Doch erst die offizielle Bestätigung macht die Dimension sichtbar. Lee hat sich den linken Großzeh geprellt – ein Körperteil, das klingt, als könne man tapfer durchbeißen. Tut man nicht, wenn man Tempo-Dribblings und diagonalen Zweikampfdruck braucht. Leitsch zog sich eine muskuläre Blessur im hinteren linken Oberschenkel zu, jene Zone, die ihn in den letzten drei Jahren schon viermal lahmlegte.
Warum fischers system ohne lee ins stolpern gerät
Der Süd-Koreaner war in dieser Saison nicht nur Dauerkraft, sondern der feine Unterschied. 26 Bundesliga-Spiele, alle in der Startelf, vier Tore, zwei Assists – Zahlen, die seine Laufwege nur erahnen lassen. In der Conference League erhöhte er den Drehzahlmesser noch: sieben Einsätze, ein Tor, zwei Vorlagen, Bestnote beim 2:1 gegen Florenz. Ohne ihn fehlt die automatische Vertikaloption, jener Spielertyp, der beim ersten Gegenpresse-Kontakt den Ball trägt statt schlägt. Fischers 4-2-3-1 verliert mit Lee nicht nur einen Außenbahnspieler, sondern das Auslöseglied für die erste pressingresistente Progression.
Die Alternative? Keine, die dieselbe Chemie garantiert. Brajan Gruda kann die Position besetzen, ist aber rechtshäufig und braucht Anlaufzeit. Angelo Fulgini agiert liefernder, Leandro Barreiro tiefer. Kurz: Urs Fischer muss entweder das System verbiegen oder Akteure in Rollen stopfen, für die sie nicht gemeißelt sind – 55 Minuten vor dem ersten Europacup-Viertelfinale seit 13 Jahren.

Leitsch: wieder weg, wieder muskel, wieder fragezeichen
Bei Maxim Leitsch klingt jedes Update wie ein Déjà-vu. Seit seinem Wechsel 2022 lief er nur 374 Liga-Minuten, drei Kurzeinsätze diese Saison, zuletzt am 20. Januar in Darmstadt. Die Reha-Arbeit war abgeschlossen, das hintere Bündel erneut stabilisiert – und nun dieselbe Stelle, dieselbe Seite, dieselbe unbestimmte Pause. Mainz’ Medizin-Departement wird intern prüfen müssen, ob Belastungssteuerung, Trainingsmethodik oder einfach Pech die treibende Kraft ist. Für den Spieler ist es die nächste Zäsur, für den Klub ein Kostenfaktor: Gehalt, Reha, Ersatz, alles für einen Akteur, der dem Kader mehr fehlt als hilft.
Die unmittelbare personelle Lage bleibt überschaubar: Andreas Hanche-Olsen und Moritz Jenz bilden die Innenverteidigung, Edimilson Fernández kann aushelfen. Doch die Bank verkürzt sich, die Varianten für späte Wechsel schrumpfen. Und im April kommt dicke Luft: Rückspiel in Straßburg, Bundesliga gegen Freiburg, Gladbach-Auswärtsschlacht, dann Bayern zu Hause – ein Programm, das keine Ausfallzeit verzeiht.
Mainz 05 hat in dieser Conference-League-Saison stets betont, man wolle „Europa erleben statt nur überstehen“. Jetzt droht das Erlebnis zu verkrüppeln, weil zwei Schlüsselbeine ausgerechnet vor dem Viertelfinale einknicken. Die Nullfünfer sind noch nicht raus, aber sie laufen fortan auf dünnem Eis – und die Uhr läuft schon jetzt gegen den individuellen Heilungsverlauf.
