Gummersbach träumt von der königsklasse – doch die ehf lässt ihn planlos
Klaus Schäfer, TSV Pelkum Sportwelt – Drei Spieltage vor Schluss steht der VfL Gummersbach da, wo er seit zwei Jahrzehnten nicht mehr war: im Schatten der Champions-League-Tür. Zweiter Platz, zwei Zähler Rückstand – das reicht normalerweise. Doch normal ist in diesem Frühjahr nichts. Die Erweiterung der Königsklasse auf 24 Teams droht zur Lotterie zu werden, und genau das treibt Geschäftsführer Christoph Schindler in den Wahnsinn.
„Wir können die Tabelle lesen“, sagt er mit dem tonlosen Lachen eines Mannes, der weiß, dass Tabellen lügen können. Denn ob Rang drei am Ende für die Gruppenphase reicht, entscheidet nicht die Liga, sondern ein Konglomerat aus EHF-Bürokraten, Wildcard-Komitees und dem Pokalsieger der European League. Ein Drittel der zusätzlichen Startplätze wandert möglicherweise abseits der sportlichen Leistung – und genau das ist der Knackpunkt.
Die reform wirft schatten auf die ränge
Schindler rechnet vor: „Platz drei in der Bundesliga sollte mehr wert sein als ein Pokalsieg in der zweiten Liga Europas.“ Klingt logisch, ist aber noch kein offizielles Kriterium. Die EHF wird ihre Verteilungsmatrix erst nach dem letzten Pfiff präsentieren. Für Klubs, die bereits jetzt Kaderplanung, Marketingbudgets und Vorbereitungsturniere festzurren müssen, ist das ein blanker Hohn. „Wir bauen Luftschlösser, wissen aber nicht, wie viele Zimmer drin sind“, sagt Schindler.
Die Konkurrenz ist klar: Flensburg-Handewitt und die Füchse Berlin jagen mit dem VfL um maximal zwei Tickets – vielleicht aber nur um eines. Der SC Magdeburg gilt als gesetzt. Die restliche Rechnung bleibt offen. „Wenn-Dann-Spielchen“ nennt Schindler das und verbietet seinem Trainerteam jede Sekunde, die damit verbrannt wird. Stattdessen: Sieg in Hannover, Sieg gegen Leipzig, Sieg in Lemgo. Drei Finals, eins pro Woche.

Professionalisierung versus pokergame
Der Ironie bewusst, zählt Schindler auf, was der Club in den vergangenen Monaten aufgebaut hat: Analytics-Team, Athletiktrainer, Mentalcoach, Scouting-App – alles Standards, die sich kein Erstligist mehr leisten kann zu ignorieren. „Und dann kommt die EHF daher und erklärt uns, dass vielleicht eine Wildcard reicht, um uns den Traum zu klauen. Das ist verrückt.“
Die Zahlen sprechen für Gummersbach: 29 Punkte, 770 Tore, eine Heimbilanz wie vor den Jahrhundertwenden. Doch Zahlen sind nur Zahlen, wenn der europäische Verband sie beliebig umdefinieren kann. Schindler fordert nicht viel: klare Qualifikationswege vor Saisonbeginn. Was in der Fußball-Bundesliga selbstverständlich ist, gilt im Handball als Luxus. „Wir reden über TV-Gelder, Nachwuchsakademien, Nachhaltigkeit – und bekommen am Ende ein Excel-Sheet, das sich eine Woche nach dem Finale ändert.“
Die Spieler spüern den Zahn der Ungewissheit. Torjäger Julian Köster lacht es weg – „Wir gewinnen einfach alles, dann brauchen wir keine Taschenrechner“ –, aber hinter der Show steht ein Kader, der weiß: Verliert man nur einmal, reicht vielleicht selbst ein historischer dritter Platz nicht. Die nächste Woche wird über Jahre hinweg prägen. Entweder kehrt der VfL nach 20 Jahren in die Königsklasse zurück – oder er bleibt auf der Schwelle stehen, weil irgendwo in Wien ein Gremium beschließt, dass ein anderer Klub „marktstrategisch wichtiger“ ist.
Schindler nimmt’s mit schwarzem Humor: „Wir haben unseren Fans versprochen, europäische Nächte zurückzubringen. Wenn die EHF uns dieses Versprechen kaputtmacht, müssen wir eben Freitagabend-Spiele gegen den Letzten der Tabelle zur Primetime machen.“ Die Uhr tickt. Drei Spiele, zwei Punkte Rückstand, ein Kontinent voller Fragezeichen. Gummersbach spielt um alles – und weiß noch nicht, ob der Jackpot überhaupt existiert.
