Tien jagt sinner: „chang lehrt mich, die besten zu jagen“

Im Schatten der Wüste von Indian Wells braut sich etwas zusammen, das keiner auf dem Zettel hatte. Learner Tien, 20 Jahre jung, Linkshänder, Kalifornier mit vietnamesischen Wurzeln, stellt sich im Viertelfinale dem Weltmeister Jannik Sinner. Und er lächelt dabei, als wäre es ein Heimspiel. Weil es das auch ist.

„Ich saß genau dort auf den rängen“

Er kennt jeden Sandkornstrich des Turniers. „Ich weiß noch, auf welchem Platz ich als Kind gesessen habe. Jetzt laufe ich dort drüben als Spieler ein – der Kreis schließt sich“, sagt Tien, während er nach dem Dreisatzsieg gegen João Fonseca die Schultern entspannt. Die Familie ist nur zehn Minuten entfernt, die Mutter Huyen war Lehrerin, der Vater Khuong Anwalt, beide Tennis-Verrückte. Den Sohn haben sie mit dem Namen Learner in die Welt geschickt – ein Programm, kein Name.

Seit Dezember steht Michael Chang an seiner Seite. Der Ex-French-Open-Champion, der als 17-Jährer in Paris die Tenniswelt erschütterte, gibt Tien nicht nur Schläge, sondern Lektionen in Kriegsführung. „Er sieht kleinste Muster, bevor sie entstehen. Ich bin kein kompletter Spieler, aber er macht mich gefährlich“, erklärt Tien. Zwei Titel folgten sofort: Metz und die Next-Gen-Finals. Die Zielvorgabe „erster ATP-Titel vor dem 20. Geburtstag“ wurde mit 19 Jahren und 364 Tagen erfüllt.TAG11

Sinner ist keine wand, sondern ein spiegel

Sinner ist keine wand, sondern ein spiegel

Gegen Sinner will er nicht nur bestehen, sondern lernen. „Er kann dir das Schlägerhandgelenk abnehmen, wenn du einen Moment nachlässt. Deshalb werde ich keine Sekunde nachlassen.“ Chang hat ihm eingebläut, dass man gegen die Elite keine Show spielt, sondern Berechnung. „Wir haben den Aufschlag umgebaut, die Rückhand früher getroffen, und er lässt mich länger auf dem Sand stehen, damit ich die Beine bekomme, die ich brauche.“ Die physische Lücke zu Sinner und Alcaraz nennt Tien offen: „Ich wiege noch zu wenig für diese Geschwindigkeit. Aber ich fresse mich rein.“

Die Analysten rechnen ihn trotz seiner Platz 69 weiter hinten. Tien lacht. „Ich mag es, unterschätzt zu werden. Dann kann ich zubeißen.“ Und er hat einen Plan B: Doppel. „Ich will 2026 unter die Top-100 der Doppelwelt. Das macht mhto Spaß und schärft fürs Einzel.“ In Indian Wells spielte er bereits mit Medvedev. „Daniil fragte, Chang zuckte zuerst, dann nickte er. Wir haben uns wie Kids amüsiert.“

Ob er sich als Störenfried in der Sinner-Alcaraz-Ära sieht? Tien zuckt mit den Schultern. „Ich bin noch weit weg von komplett. Aber wenn ich irgendwann dazwischenplatze, wäre das ein gutes Problem.“ Erst einmal steht am Mittwochababend (Ortszeit) ein Match an, das in Kalifornien längst als „Vietnamese Valentine“ gehandelt wird. Sinner gegen den Jungen, der hier auf den Rängen saß und jetzt auf der anderen Seite des Netzes steht. Wer zuletzt lacht, steht im Halbfinale. Für Tien wäre das kein Märchen, sondern eine Rechenaufgabe, die aufgeht.