Thun schreibt super-league-geschichte: aufsteiger vor sensationellem titel
Der FC Thun ist 90 Minuten vom Wahnsinn entfernt. Seit 30 Spieltagen führt das Team aus der 43.000-Einwohner-Stadt die Swiss Super League an – ein Aufsteiger, der die etablierten Grossklubs wie Basel, St. Gallen und YB alt aussehen lässt. 71 Punkte stehen in der Tabelle, 16 Zähler Vorsprung auf St. Gallen. Drei Runden vor Schluss der ersten Phase ist die Führung nicht mehr zu nehmen.
Der modus macht den meister noch nicht sicher
Doch: Die neue Liga-Regelung verlängert die Saison um fünf weitere Spiele. Nach der Grundserie treffen die ersten sechs Teams in der «Championship Group» aufeinander – alle Punkte werden halbiert mitgenommen. Thun muss also auch in der Mini-Meisterschaft oben bleiben, um den Pokal zu holen. Noch acht Partien sind es bis zur Erfüllung des Märchens.
Mitten drin steht Marco Bürki. Der 32-jährige Innenverteidiger trägt die Kapitänsbinde, organisiert die Abwehr, köpft Bälle weg und schreit sich in den Heimspielen die Seele aus dem Leib. Sein älterer Bruder Roman kennt die grosse Bühne von Dortmund – Marco konnte bisher nie den Durchbruch in Europas Topligen schaffen. Das könnte sich in den nächsten Wochen ändern.

Ein bruderduell und ein historischer vergleich
Die Bürkis standen sich bereits zweimal gegenüber, als Marco bei den Young Boys spielte und Roman die Grashoppers hütete. Jetzt führt der Jüngere einen Provinzklub an die Spitze. Vergleiche mit Kaiserslautern 1998 liegen nahe: Auch dort stieg ein Aufsteiger auf und wurde sofort Meister – unter Otto Rehhagel. In der Schweiz gelang das zuletzt 1952 den Grashoppers. Mehr als 70 Jahre später also die nächste Chance auf ein solches Kunststück.
Thun selbst ist kein Verein mit Milliarden- Budget. Die Stadt liegt am Thunersee, das Stadion bietet 10.000 Plätze, die Fans sind überwiegend Mitglieder. Trainer Carlos Bernegger setzt auf hohes Laufvolumen, Umschaltspiel und Standards. Die Statistik: 71 Punkte, 60:24 Tore, nur zwei Niederlagen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache.
Marco Bürki holte 2018 mit Bern die Meisterschaft, damals aber nur als Ergänzungsspieler. Jetzt steht er in jedem Spiel über 90 Minuten auf dem Platz. Der Verteidiger, der 2015 schon einmal in Thun ausgeliehen war, kehrte 2021 fest zurück und führte den Club zuerst in die Challenge League und nun an die Tabellenspitze. Ein Titel würde seine Karriere endgültig krönen – und die Geschichte des Schweizer Fussballs um ein weiteres Kapitel bereichern.
