Tarquini 64: imola wird zur feuerprobe für genesis-debüt

Klaus Schäfer, TSV Pelkum Sportwelt – Die Kurve Tamburello wird am 19. April 2026 mehr sein als ein Asphaltbogen. Sie wird zum Prüfstand für einen Neuanfang, der kein halbes Jahr alt ist. Gabriele Tarquini, 64 Jahre, 78 Grand-Prix-Starts, zweimal Weltmeister im Tourenwagen, steht nicht mehr am Gitter, sondern daneben – als Sportdirektor von Genesis Magma Racing. Die Aufgabe: eine Hypercar-Truppe aus dem Nichts in die Punkteränge des FIA World Endurance Championship katapultieren.

Keine altlasten, nur losail-staub

Die Saison-Vorbereitung war alles andere als linear. Der Prolog in Katar fiel den geopolitischen Erschütterungen zum Opfer, die 1.812 Kilometer von Losail wurden gestrichen. Stattdessen startet die Saison direkt mit der 6 Stunden von Imola – und Genesis muss sofort liefern. „Wir haben keine Referenz, keine Altlasten, nur den Staub der Teststrecken“, sagt Tarquini, während er die Startaufstellung durchgeht: Lotterer/Derani/Jaubert in der #17, Chatin/Jaminet/Juncadella in der #19. Kein Fahrer hat die Gmr-001 bereits im Verband gekreuzt.

Die Baustelle ist gigantisch. 70 bis 80 Köpfe arbeiten im neuen Lager in Hwaseong, das Chassis stammt von Oreca, der 3,2-Liter-V8-Turbo-Hybrid trägt eine Genesis-Plakette. Tarquini musste nicht nur die Crew zusammenstellen, sondern auch die Kommunikationslinien zur FIA, zum ACO und zu den Stewards knüpfen. „Wenn ein Fahrer nach dem Stint meckert, sitze ich zwischen Stuhl und Schaltung. Ich entscheide, wer qualifiziert, wie lang die Doppelstints sind, wann wir Risiko eingehen.“ Teamchef Cyril Abiteboul gibt den Rahmen vor, Tarquini füllt ihn mit Leben.

98 Prozent statt 80: die neue wahrheit

98 Prozent statt 80: die neue wahrheit

Die größte Lektion: Langstreckenrennen sind längst kein Schongang mehr. „1985 in Le Mans fuhr man mit 80 Prozent, heute sind es 98, manchmal 99“, schmunzelt der Italiener. Reifenmanagement, Energieregelung, Boxenstopp-Taktik – alles entscheidet sich in Sekundenbruchteilen. „Wer glaubt, hier entspannt im Slipstream zu cruisen, wird gedoppelt.“

Genesis will nicht gleich siegen. Punkte, eine Hyperpole-Position, vielleicht einmal im gleichen Rundenkreis wie Toyota oder Porsche – das wäre schon ein Erfolg. „Wenn wir in Imola beide Autos ins Ziel bugsieren und keine Strafen kassieren, haben wir gewonnen“, lautet das Minimalziel. Die ehrgeizige Langfrist-Vision: 2027 um Podestplätze kämpfen, 2028 Titelrennen bestreiten. Hyundai hat die Kasse geöffnet, die Ingenieure arbeiten bereits an Software-Updates für die Hochvolt-Einheit.

Vom cockpit zur kommandozentrale

Vom cockpit zur kommandozentrale

Tarquini selbst beendete seine Fahrerkarriere 2021 mit 60 Jahren. Der Umstieg fiel leichter, als gedacht: „Das Adrenalin bleibt, nur die Perspektive wechselt.“ Statt Helm trägt er jetzt ein Headset, statt Bremspunkt bestimmt er die Strategie. „Wenn Jaminet nach drei Stunden meldet, die Hinterreifen verwandeln sich in Kaugummi, muss ich binnen 30 Sekunden die Antwort parat haben: Runterdrehen oder Box? Jede Entscheidung kann uns 30 Sekunden kosten – oder schenken.“

Die 6 Stunden von Imola werden zeigen, ob die Genesis-Gmr-001 mehr ist als ein teures Design-Objekt. Die Rivalen schlafen nicht: Peugeot hat die neue 9X8 vorgestellt, Ferrari will die WM-Titel verteidigen, Toyota braut mit dem GR010 eine Evo-Version. Tarquini bleibt cool: „Wir sind der Underdog, aber das ist auch eine Art Freiheit. Keiner erwartet Wunder – wenn sie kommen, umso lauter.“

Und danach? Dann geht’s nach Spa, Le Mans, São Paulo. Tarquini packt die Laptimes aus, studiert Lufttemperatur-Kurven und sagt: „Wenn wir 2026 nur lernen, haben wir 2027 schon gelebt.“ Die Uhr auf dem Timing-Monitor tickt. Noch 43 Tage bis Imola. Der Countdown läuft – und der Ex-Pilot mit der ruhigen Stimme weiß: Erste Eindrücke sind im Motorsport un Makel für Jahre. Deshalb wird er an diesem April-Wochenende nicht nur zwei Autos, sondern auch ein ganzes Stück eigene Zukunft starten.